Der Garten der zerbrochenen Statuen

Der Garten der zerbrochenen Statuen

Auf den Spuren der Zensur in Russland
Marianna Tax Choldin
2018
250 Seiten
Softcover
ISBN -13 978-3-945610-40-4
22,00
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Als Kind jüdischer Einwanderer in die USA wuchs die Autorin in einer intellektuellen Familie in mehreren Sprachen und einer Vielzahl internationaler Kontakte auf. Sie begann im College mit dem Studium der russischen Sprache und Kultur. Diese Erfahrung bestimmte ihren Berufswunsch. Als Wissenschaftlerin und Bibliothekarin an der renommierten University of Illinois. Urbana-Champaign forschte sie zunächst über zaristische Zensur in Russland, später stellte sie die Frage nach der Zensur in Sowjetrussland. Die Ausstellung und Konferenz zur Zensur in Russland, die sie und die Direktorin der Bibliothek für Ausländische Literatur in Moskau, Ekatarina Genieva, gemeinsam kuratiert und organisiert haben, und die an vielen Orten in Russland wiederholt wurden, waren Höhepunkte der bibliothekarischen internationalen Zusammenarbeit.

Rezensionen

Marianna Tax Choldin: Der Garten der zerbrochenen Statuen

Bildungsbiographie - Bibliothekarinnen, die den Unterschied machen - die russische und sowjetische Zensur

Der Garten der zerbrochenen Statuen – Auf den Spuren der Zensur in Russland – aus dem Amerikanischen übersetzt von Silke Sewing und Erdmute Lapp, Simon Verlag für Bibliothekswissen, Berlin 2018.

Dieser Buchtitel kann zu falschen Erwartungen führen, wenn man vorwiegend mit systematischen Abhandlungen befasst ist und „Auf den Spuren der Zensur in Russland“ nur flüchtig gesehen hat. Mit diesem Buch wird jedoch kein Traktat über die russische Zensur vorgelegt! Es handelt sich vielmehr um dreierlei,

• um eine Bildungsbiographie oder, um es emotionaler auszudrücken, um die leidenschaftliche Liebe einer Frau zu neuen Erkenntnissen und zu den Büchern, die sie transportieren,

• um Bibliotheken und BibliothekarInnen, die den Unterschied machen, oder, um es pathetischer zu formulieren, die die Zivilisation an vorderster Front verteidigen oder sie sich ausbreiten lassen, und

• um die Spurensuche der Protagonistin, wobei wir über die emotionalen und Netzwerkbedingungen eines erfolgreichen Forschungsprozesses ebenso viel erfahren wie über die russische und sowjetische Zensur.

Wer daran interessiert ist, wird an diesem Buch seine Freude haben. Über das sehr persönliche Buch zu den Interaktionen zwischen der Autorin und ihrem Forschungsgegenstand lässt sich ein guter Eindruck vermitteln, indem ich die Autorin selbst zu Wort kommen lasse.

Bildungskind und die Liebe zu Büchern. Marianna Tax Choldin wächst aus einer bildungsbürgerlichen Sicht als Jüdin und US-Bürgerin mit einem Hochschullehrer als Vater und einer Sprachlehrerin als Mutter in einem liebevollen, liberalen und intellektuellen Umfeld in einer privilegierten Position auf:

„Aber das Aufwachsen unter Menschen in gehobener Stellung erleichterte mir ungemein den Umgang mit Autoritäten – in unserem Mietshaus wohnten zu unterschiedlichen Zeiten drei Nobelpreisträger, und viele nationale Würdenträger gingen ein und aus. ... Bücher waren immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Meine Schule, die zur Universität gehörte, hatte zwei hervorragende Bibliotheken. … Niemand erzählte mir, was ich lesen oder nicht lesen sollte, und als Kind nahm ich an, dass das überall gelten würde“ (Seite 22).

Allerdings lebt Marianna „in einer liberalen Blase“, so dass sie erst nach und nach mit der USA der Rassentrennung und des McCarthyismus, der grassierenden Selbstzensur und den Versuchen, die Bestände der Bibliotheken durch Zensur zu beschränken, Bekanntschaft machen muss. Ihre Familie ist nur durch Glück mehreren Katastrophen entronnen. „Die Großeltern von der Seite beider Eltern her wanderten zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts aus dem Russischen Reich aus, als die Pogrome um sich griffen“ (Seite 48). Ein

knappes halbes Jahrhundert später überfällt NS-Deutschland die Sowjetunion und versucht, alle Juden zu ermorden:

„Viele, vielleicht die meisten, wurden an Ort und Stelle vernichtet und in Massengräbern verscharrt, die schwarze sowjetische Erde wurde über sie geschaufelt. Ich habe nie ihre Namen kennengelernt, aber sie verfolgt mich, meine verlorene jüdische Familie. Ich spreche das Kaddisch, das jüdische Totengebet, für sie“ (Seite 41).

Marianna fügt im Laufe der Jahre ihren englischen Sprachkenntnissen Jiddisch, Deutsch, Bengalisch und Russisch hinzu und erhält als 17-Jährige den Auftrag, eine wissenschaftliche Abhandlung vom Deutschen ins Englische zu übertragen:

„Hier war ich, ein Kind, das Zensur ablehnte und den Kommunisten nicht vertraute, redegewandte Anwälte der freien Rede bewunderte und allmählich lernte, dass ihr Land letzten Endes nicht perfekt war. Ein Kind, das gerne las und dessen große Faszination für Denkmäler sie dazu verleitete, nach deren wahrer Bedeutung zu suchen. Ein jüdisch-amerikanisches Kind, das mit dem Russischen Reich in verstörender Art über die Familie verbunden war, gleichzeitig abgestoßen und angezogen von dem Ort, der in den ersten fünfzig Lebensjahren der Sowjetunion war. Es sind schwerlich zwei Orte vorstellbar, die von der Ideologie her so unterschiedlich waren wie Hyde Park und die Sowjetunion“ (Seite 42).

An anderer Stelle habe ich die Meinung vertreten, dass der grundlegende Trend in 50 Jahren Bundesrepublik in einer Bildungsrevolution oder darin besteht, allen Bürgern und vor allem der jungen Generation die Privilegien von Frau Choldin zu verschaffen. Das ist mehr oder minder gelungen, allerdings dürfte die Bildungsbereitschaft nicht in gleichem Maße gestiegen sein. Eher gewinne ich den Eindruck, dass Bildung und die Tools, die sie ermöglichen, als freies Gut wenig wertgeschätzt und allenfalls für Schritte in der beruflichen Laufbahn instrumentalisiert werden. Weniger thematisiert werden von Tax Choldin die vielen Beispiele, die beweisen, dass Bildungshunger auch in einer bildungsfeindlichen oder -indifferenten Umwelt entstehen und befriedigt werden kann. Kann nicht sogar die „Zensur eine starke fast exzessive physische Liebe zu Büchern fördern“? (Seite 143). Ihre Arbeit erinnert uns daran, dass wir, die wir die Bildung auch um ihrer selbst willen lieben, nicht allein sind.

Bibliotheken und BibliothekarInnen, die den Unterschied machen. Tax Choldin hätte, wenn die Arbeitsangebote für sie ein wenig anders ausgefallen wären, auch Holocaustforscherin in einem deutsch-amerikanischem Netzwerk werden oder Entwicklungspolitik für Bangladesh betreiben können. Andererseits hat sie eine natürliche Affinität zu Bibliotheken und Russland übt eine düstere Faszination auf sie aus. Vom ersten Morgen als wissenschaftliche Bibliothekarin an liebt sie ihre Arbeit und geraten ihre weiteren Darstellungen zu einer Hommage an die Institution Bibliothek und die Menschen, die in ihr arbeiten:

„Als ich später mit Bibliothekaren auf der ganzen Welt arbeitete, merkte ich, dass ich einen Bibliothekar oder eine Bibliothekarin überall erkennen konnte, obwohl ich es nicht wirklich verstehe. Ich denke, es hat etwas zu tun mit der spezifischen Intensität, Ausdauer und Leidenschaft, Information zu organisieren und Antworten auf schwierige und abseitige Fragen zu finden, egal wie lange die Suche dauert. Bibliothekare sind besonders gut im Kreuzworträtsel-Lösen und sie lieben Herausforderungen. Wo auch immer ich in der Welt hinfuhr, fühlte ich mich sofort in ihren Bibliotheken und an ihren Arbeitsplätzen heimisch. Ich genieße die Kollegialität verwandter Seelen, tauche in den Geruch ihrer Bücherregale (muffig

vom verfallenden Papier) ein und finde alte Vertraute unter ihren Nachschlagewerken“ (Seite 100f.).

Als „Slawistin, Bibliotheksaktivistin und fürsorglicher Mensch“, die ihre Zwillingskinder mit zu betreuen hat, muss sie über viele Jahre eine schwierige Balance wahren, aber mit viel Optimismus und unbegrenzt erscheinendem Elan schafft sie es. Hat jemand besser die Freuden beschrieben, die sich einstellen, wenn man in der Forschung zu guten Ergebnissen gekommen ist? Jedenfalls spürt sie den

„geheimnisvollen und wunderbaren Schock, den man hat, wenn alles zueinander zu passen scheint. In meinem Fall fühlt es sich wie eine Beschleunigung aller Sinne an: ich merke den Adrenalinstrom, das Glück und die Zuversicht, dass etwas Richtiges passiert ist“ (Seite 113).

Tax Choldin schließt viele Freundschaften und greift in ihren Arbeiten immer wieder auf ihr Netzwerk zurück. Besonders herzliche Beziehungen geht sie mit russischen BibliothekarInnen ein, obgleich die USA und die Sowjetunion einander fremden Planeten gleichen und „jeglicher Kontakt zu Ausländern in der Zeit des Personenkults unmöglich“ war (Seite 172). Dennoch schaffen sie es gemeinsam, dass

„Tausende von Bücherkisten aus Hunderten von Bibliotheken von beiden Planeten in beide Richtungen verschifft wurden, indem sie irgendwie unterhalb des Radars (der offiziellen Kontrolle) segelten“ (Seite 105).

Diese russischen Bibliothekarinnen sind Träger der Kultur unter widrigsten politischen Umständen und tun, was ihnen möglich ist. Sie wissen, was sie zu tun haben, als sich in der russischen „Tauwetterperiode“ (nach 1992) neue Möglichkeiten für sie eröffneten. Wenn wir Leitbilder und eine Literatur darüber benötigen, warum nicht die Institution Bibliothek und die Bildungsenthusiastinnen, die sich in ihr bewähren? Und Tax Choldin zeigt, dass eine Scientific Community nicht nur als Idealvorstellung möglich ist!

Russische und sowjetische Zensur. Tax Choldin kommt zu ihrem Lebensthema, als ihr zufällig ein Buch in die Hände fällt, an das sich die zaristische Zensur gemacht hat. Die wichtigsten Zensurmaßnahmen zur Zarenzeit sind „das Abkratzen von Druck auf einer Seite mit einem Rasiermesser, das Abdecken von Wörtern mit schwarzer Tinte und das Überkleben ganzer Passagen mit Altpapier“ (Seite 117). Fortgeschrittenere Methoden wie die Verfälschung von Übersetzungen und die Produktion von Fake News kommen viel später, gleichwohl sind die Suchraster der zaristischen und der sowjetischen Zensur weitgehend ähnlich. So fällt ein Autor unter das Fallbeil der zaristischen Zensur,

„weil er respektlos gegenüber dem russischen Zarentum ist, die Macht des Zaren in Frage stellt, die Religion verhöhnt oder weil Russen als asiatische Barbaren … dargestellt wurden“ (Seite 121).

Hingegen gilt für die sowjetische Zensur:

„Schriftsteller durften Parteiführer oder die Partei nicht kritisieren, sie konnten nicht positiv über Religion schreiben oder Bürger der Sowjetunion als „asiatische Barbaren“ bezeichnen. … Diese Zensur, die es offiziell nicht gab, durchdrang alles und jeden. Jeder Schriftsteller, Maler, Komponist oder Wissenschaftler wusste, was er schreiben, komponieren oder untersuchen musste. Darüber hinaus – und dies war neu – wussten die Sowjetbürger, was sie erstellen oder untersuchen mussten, um in ihrer Karriere erfolgreich zu sein, und natürlich,

um nicht ins Gefängnis oder in den Gulag zu kommen und um einfach am Leben zu bleiben“ (Seite 133f.)

Tax Choldin findet für diese exzessive Form der Gängelung durch den Staat, in der jeder „schuldig bis zum Beweis der Unschuld“ ist (Seite 135) und die in westlichen Ländern bei allen auch dort bestehenden Defiziten undenkbar wäre, den Begriff der „omnizensur“ oder der „allumfassenden Zensur“ (Seite 134). Sie veröffentlicht ihre Ergebnisse über die zaristische Zensur in „A Fence Around the Empire: Russian Censorship of Western Ideas under the Tsars“, über die sowjetische Zensur in „Russian Classiscs in Soviet Jackets“, begründet noch vor dem Online-Zeitalter den Slavic Refererence Service, bringt gemeinsam mit ihren russischen Partnern und Freunden über Ausstellungen und Tagungen in der Zeit der „Perestrojka“ eine Debatte in Russland über die Zensur in Gang und wird in der Szene „Madame Censorship“ genannt. Für die russischen Teilnehmer ihrer Tagungen kann diese Debatte das Rühren an einem großen Schmerz oder ein großes Erwachen sein:

„(Wir können) unsere Gedanken über die Zensur (nicht) äußern, die wir nur mit sprachlosem Schmerzgeheul ertragen haben. Es wird Jahre dauern, bis wir uns genügend von diesem Alptraum distanzieren können, um objektiv, als Wissenschaftler, über dieses Phänomen sprechen zu können (Seite 221) … Eine Bibliothekarin aus Ekaterinburg erzählte mir, dass sie nicht wirklich viel über Zensur nachgedacht habe – sie habe sie einfach als selbstverständlich hingenommen –, bis sie in die Archivarbeit eingetaucht ist, um die Ausstellung vorzubereiten, erst da nahm sie die Ausmaße dessen wahr, was geschehen war und wie sie alle von dem beschädigt worden waren, was ich allumfassende Zensur nenne“ (Seite 223f.).

Der auf die Perestrojka folgende „Putinismus“ mit seinen Tendenzen einer politischen und kulturellen Konterrevolution wird von Tax Choldin nur kurz gestreift. Aber auch für Putin gilt ihre Metapher des „Gartens der zerbrochenen Statuen“, die für die Neigung vieler Regierungen steht, ihr Erbe verfälschend und propagandistisch darzustellen. Mit dem Buch von Tax Choldin verstehen wir hingegen,

„wie wichtig es für offene, demokratische Gesellschaften ist, ihren Bürgern und den Bürgern der ganzen Welt Zugang zu der gesamten Vergangenheit ihres Landes zu geben, zu der beschämenden ebenso wie zu der noblen“ (Seite 239)

und in ihrem Sinne fügen wir hinzu, dass der ewige Kampf um Meinungsfreiheit unteilbar ist und dass wir den Vertretern der russischen Zivilgesellschaft im eigenen Interesse eine nachhaltige Entwicklung wünschen müssen, auch wenn dies die Überwindung eines Jahrhunderte alten politischen Systems mit barbarischen Merkmalen voraussetzt.


Marianna Tax Choldin:
Der Garten der zerbrochenen Statuen

Bildungsbiographie - Bibliothekarinnen,
die den Unterschied machen -
die russische und sowjetische Zensur

Der Garten der zerbrochenen Statuen – Auf den Spuren der Zensur in Russland – aus dem Amerikanischen übersetzt von Silke Sewing und Erdmute Lapp, Simon Verlag für Bibliothekswissen, Berlin 2018.

Von Willi Bredemeier

Dieser Buchtitel kann zu falschen Erwartungen führen, wenn man vorwiegend mit systematischen Abhandlungen befasst ist und „Auf den Spuren der Zensur in Russland“ nur flüchtig gesehen hat. Mit diesem Buch wird jedoch kein Traktat über die russische Zensur vorgelegt! Es handelt sich vielmehr um dreierlei,  

• um eine Bildungsbiographie oder, um es emotionaler auszudrücken, um die leidenschaftliche Liebe einer Frau zu neuen Erkenntnissen und zu den Büchern, die sie transportieren,

• um Bibliotheken und BibliothekarInnen, die den Unterschied machen, oder, um es pathetischer zu formulieren, die die Zivilisation an vorderster Front verteidigen oder sie sich ausbreiten lassen, und

• um die Spurensuche der Protagonistin, wobei wir über die emotionalen und Netzwerkbedingungen eines erfolgreichen Forschungsprozesses ebenso viel erfahren wie über die russische und sowjetische Zensur.

Wer daran interessiert ist, wird an diesem Buch seine Freude haben. Über das sehr persönliche Buch zu den Interaktionen zwischen der Autorin und ihrem Forschungsgegenstand lässt sich ein guter Eindruck vermitteln, indem ich die Autorin selbst zu Wort kommen lasse.

Bildungskind und die Liebe zu Büchern . Marianna Tax Choldin wächst aus einer bildungsbürgerlichen Sicht als Jüdin und US-Bürgerin mit einem Hochschullehrer als Vater und einer Sprachlehrerin als Mutter in einem liebevollen, liberalen und intellektuellen Umfeld in einer privilegierten Position auf:

„Aber das Aufwachsen unter Menschen in gehobener Stellung erleichterte mir ungemein den Umgang mit Autoritäten – in unserem Mietshaus wohnten zu unterschiedlichen Zeiten drei Nobelpreisträger, und viele nationale Würdenträger gingen ein und aus. ... Bücher waren immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Meine Schule, die zur Universität gehörte, hatte zwei hervorragende Bibliotheken. … Niemand erzählte mir, was ich lesen oder nicht lesen sollte, und als Kind nahm ich an, dass das überall gelten würde“ (Seite 22).

Allerdings lebt Marianna „in einer liberalen Blase“, so dass sie erst nach und nach mit der USA der Rassentrennung und des McCarthyismus, der grassierenden Selbstzensur und den Versuchen, die Bestände der Bibliotheken durch Zensur zu beschränken, Bekanntschaft machen muss. Ihre Familie ist nur durch Glück mehreren Katastrophen entronnen. „Die Großeltern von der Seite beider Eltern her wanderten zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts aus dem Russischen Reich aus, als die Pogrome um sich griffen“ (Seite 48). Ein knappes halbes Jahrhundert später überfällt NS-Deutschland die Sowjetunion und versucht, alle Juden zu ermorden:

„Viele, vielleicht die meisten, wurden an Ort und Stelle vernichtet und in Massengräbern verscharrt, die schwarze sowjetische Erde wurde über sie geschaufelt. Ich habe nie ihre Namen kennengelernt, aber sie verfolgt mich, meine verlorene jüdische Familie. Ich spreche das Kaddisch, das jüdische Totengebet, für sie“ (Seite 41). 

Marianna fügt im Laufe der Jahre ihren englischen Sprachkenntnissen Jiddisch, Deutsch, Bengalisch und Russisch hinzu und erhält als 17-Jährige den Auftrag, eine wissenschaftliche Abhandlung vom Deutschen ins Englische zu übertragen:

„Hier war ich, ein Kind, das Zensur ablehnte und den Kommunisten nicht vertraute, redegewandte Anwälte der freien Rede bewunderte und allmählich lernte, dass ihr Land letzten Endes nicht perfekt war. Ein Kind, das gerne las und dessen große Faszination für Denkmäler sie dazu verleitete, nach deren wahrer Bedeutung zu suchen. Ein jüdisch-amerikanisches Kind, das mit dem Russischen Reich in verstörender Art über die Familie verbunden war, gleichzeitig abgestoßen und angezogen von dem Ort, der in den ersten fünfzig Lebensjahren der Sowjetunion war. Es sind schwerlich zwei Orte vorstellbar, die von der Ideologie her so unterschiedlich waren wie Hyde Park und die Sowjetunion“ (Seite 42).

An anderer Stelle habe ich die Meinung vertreten, dass der grundlegende Trend in 50 Jahren Bundesrepublik in einer Bildungsrevolution oder darin besteht, allen Bürgern und vor allem der jungen Generation die Privilegien von Frau Choldin zu verschaffen. Das ist mehr oder minder gelungen, allerdings dürfte die Bildungsbereitschaft nicht in gleichem Maße gestiegen sein. Eher gewinne ich den Eindruck, dass Bildung und die Tools, die sie ermöglichen, als freies Gut wenig wertgeschätzt und allenfalls für Schritte in der beruflichen Laufbahn instrumentalisiert werden. Weniger thematisiert werden von Tax Choldin die vielen Beispiele, die beweisen, dass Bildungshunger auch in einer bildungsfeindlichen oder -indifferenten Umwelt entstehen und befriedigt werden kann. Kann nicht sogar die „Zensur eine starke fast exzessive physische Liebe zu Büchern fördern“? (Seite 143). Ihre Arbeit erinnert uns daran, dass wir, die wir die Bildung auch um ihrer selbst willen lieben, nicht allein sind.

Bibliotheken und BibliothekarInnen, die den Unterschied machen . Tax Choldin hätte, wenn die Arbeitsangebote für sie ein wenig anders ausgefallen wären, auch Holocaustforscherin in einem deutsch-amerikanischem Netzwerk werden oder Entwicklungspolitik für Bangladesh betreiben können. Andererseits hat sie eine natürliche Affinität zu Bibliotheken und Russland übt eine düstere Faszination auf sie aus. Vom ersten Morgen als wissenschaftliche Bibliothekarin an liebt sie ihre Arbeit und geraten ihre weiteren Darstellungen zu einer Hommage an die Institution Bibliothek und die Menschen, die in ihr arbeiten:

„Als ich später mit Bibliothekaren auf der ganzen Welt arbeitete, merkte ich, dass ich einen Bibliothekar oder eine Bibliothekarin überall erkennen konnte, obwohl ich es nicht wirklich verstehe. Ich denke, es hat etwas zu tun mit der spezifischen Intensität, Ausdauer und Leidenschaft, Information zu organisieren und Antworten auf schwierige und abseitige Fragen zu finden, egal wie lange die Suche dauert. Bibliothekare sind besonders gut im Kreuzworträtsel-Lösen und sie lieben Herausforderungen. Wo auch immer ich in der Welt hinfuhr, fühlte ich mich sofort in ihren Bibliotheken und an ihren Arbeitsplätzen heimisch. Ich genieße die Kollegialität verwandter Seelen, tauche in den Geruch ihrer Bücherregale (muffig vom verfallenden Papier) ein und finde alte Vertraute unter ihren Nachschlagewerken“ (Seite 100f.).  

Als „Slawistin, Bibliotheksaktivistin und fürsorglicher Mensch“, die ihre Zwillingskinder mit zu betreuen hat, muss sie über viele Jahre eine schwierige Balance wahren, aber mit viel Optimismus und unbegrenzt erscheinendem Elan schafft sie es. Hat jemand besser die Freuden beschrieben, die sich einstellen, wenn man in der Forschung zu guten Ergebnissen gekommen ist? Jedenfalls spürt sie den

„geheimnisvollen und wunderbaren Schock, den man hat, wenn alles zueinander zu passen scheint. In meinem Fall fühlt es sich wie eine Beschleunigung aller Sinne an: ich merke den Adrenalinstrom, das Glück und die Zuversicht, dass etwas Richtiges passiert ist“ (Seite 113).  

Tax Choldin schließt viele Freundschaften und greift in ihren Arbeiten immer wieder auf ihr Netzwerk zurück. Besonders herzliche Beziehungen geht sie mit russischen BibliothekarInnen ein, obgleich die USA und die Sowjetunion einander fremden Planeten gleichen und „jeglicher Kontakt zu Ausländern in der Zeit des Personenkults unmöglich“ war (Seite 172). Dennoch schaffen sie es gemeinsam, dass

„Tausende von Bücherkisten aus Hunderten von Bibliotheken von beiden Planeten in beide Richtungen verschifft wurden, indem sie irgendwie unterhalb des Radars (der offiziellen Kontrolle) segelten“ (Seite 105).  

Diese russischen Bibliothekarinnen sind Träger der Kultur unter widrigsten politischen Umständen und tun, was ihnen möglich ist. Sie wissen, was sie zu tun haben, als sich in der russischen „Tauwetterperiode“ (nach 1992) neue Möglichkeiten für sie eröffneten. Wenn wir Leitbilder und eine Literatur darüber benötigen, warum nicht die Institution Bibliothek und die Bildungsenthusiastinnen, die sich in ihr bewähren? Und Tax Choldin zeigt, dass eine Scientific Community nicht nur als Idealvorstellung möglich ist!

Russische und sowjetische Zensur. Tax Choldin kommt zu ihrem Lebensthema, als ihr zufällig ein Buch in die Hände fällt, an das sich die zaristische Zensur gemacht hat. Die wichtigsten Zensurmaßnahmen zur Zarenzeit sind „das Abkratzen von Druck auf einer Seite mit einem Rasiermesser, das Abdecken von Wörtern mit schwarzer Tinte und das Überkleben ganzer Passagen mit Altpapier“ (Seite 117). Fortgeschrittenere Methoden wie die Verfälschung von Übersetzungen und die Produktion von Fake News kommen viel später, gleichwohl sind die Suchraster der zaristischen und der sowjetischen Zensur weitgehend ähnlich. So fällt ein Autor unter das Fallbeil der zaristischen Zensur,

„weil er respektlos gegenüber dem russischen Zarentum ist, die Macht des Zaren in Frage stellt, die Religion verhöhnt oder weil Russen als asiatische Barbaren … dargestellt wurden“ (Seite 121).  

Hingegen gilt für die sowjetische Zensur:

„Schriftsteller durften Parteiführer oder die Partei nicht kritisieren, sie konnten nicht positiv über Religion schreiben oder Bürger der Sowjetunion als „asiatische Barbaren“ bezeichnen. … Diese Zensur, die es offiziell nicht gab, durchdrang alles und jeden. Jeder Schriftsteller, Maler, Komponist oder Wissenschaftler wusste, was er schreiben, komponieren oder untersuchen musste. Darüber hinaus – und dies war neu – wussten die Sowjetbürger, was sie erstellen oder untersuchen mussten, um in ihrer Karriere erfolgreich zu sein, und natürlich, um nicht ins Gefängnis oder in den Gulag zu kommen und um einfach am Leben zu bleiben“ (Seite 133f.) 

Tax Choldin findet für diese exzessive Form der Gängelung durch den Staat, in der jeder „schuldig bis zum Beweis der Unschuld“ ist (Seite 135) und die in westlichen Ländern bei allen auch dort bestehenden Defiziten undenkbar wäre, den Begriff der „omnizensur“ oder der „allumfassenden Zensur“ (Seite 134). Sie veröffentlicht ihre Ergebnisse über die zaristische Zensur in „A Fence Around the Empire: Russian Censorship of Western Ideas under the Tsars“, über die sowjetische Zensur in „Russian Classiscs in Soviet Jackets“, begründet noch vor dem Online-Zeitalter den Slavic Refererence Service, bringt gemeinsam mit ihren russischen Partnern und Freunden über Ausstellungen und Tagungen in der Zeit der „Perestrojka“ eine Debatte in Russland über die Zensur in Gang und wird in der Szene „Madame Censorship“ genannt. Für die russischen Teilnehmer ihrer Tagungen kann diese Debatte das Rühren an einem großen Schmerz oder ein großes Erwachen sein:

„(Wir können) unsere Gedanken über die Zensur (nicht) äußern, die wir nur mit sprachlosem Schmerzgeheul ertragen haben. Es wird Jahre dauern, bis wir uns genügend von diesem Alptraum distanzieren können, um objektiv, als Wissenschaftler, über dieses Phänomen sprechen zu können (Seite 221) … Eine Bibliothekarin aus Ekaterinburg erzählte mir, dass sie nicht wirklich viel über Zensur nachgedacht habe – sie habe sie einfach als selbstverständlich hingenommen –, bis sie in die Archivarbeit eingetaucht ist, um die Ausstellung vorzubereiten, erst da nahm sie die Ausmaße dessen wahr, was geschehen war und wie sie alle von dem beschädigt worden waren, was ich allumfassende Zensur nenne“ (Seite 223f.).  

Der auf die Perestrojka folgende „Putinismus“ mit seinen Tendenzen einer politischen und kulturellen Konterrevolution wird von Tax Choldin nur kurz gestreift. Aber auch für Putin gilt ihre Metapher des „Gartens der zerbrochenen Statuen“, die für die Neigung vieler Regierungen steht, ihr Erbe verfälschend und propagandistisch darzustellen. Mit dem Buch von Tax Choldin verstehen wir hingegen,

„wie wichtig es für offene, demokratische Gesellschaften ist, ihren Bürgern und den Bürgern der ganzen Welt Zugang zu der gesamten Vergangenheit ihres Landes zu geben, zu der beschämenden ebenso wie zu der noblen“ (Seite 239)  

und in ihrem Sinne fügen wir hinzu, dass der ewige Kampf um Meinungsfreiheit unteilbar ist und dass wir den Vertretern der russischen Zivilgesellschaft im eigenen Interesse eine nachhaltige Entwicklung wünschen müssen, auch wenn dies die Überwindung eines Jahrhunderte alten politischen Systems mit barbarischen Merkmalen voraussetzt.


Aktuelles

Besitzen genügt nicht. Kulturelle Identität und kulturelles Erbe

Zur Diskussion: Beutekunst 

Nicht nur in den Zeiten des Kolonialismus wuchs mit der Eroberung der Welt durch die kolonialen Mächte der Raub kultureller Güter: In den Beständen der Vatikan Bibliothek befindet sich da schriftliche Erbe verschiedener Regionen und Nationalstaaten, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden sind. Wie sehr um diese kulturellen Güter gerungen wurde, zeigt auch die end- und folgenlose Diskussion um das schriftliche Erbe Deutschlands und um Rückführung oder Verbleib in Russland. Das Thema wird aber auch durch die digitale Transformation des kulturellen Erbes aufgegriffen. Stephan Büttner: Die digitale Transformation in Institutionen des kulturellen Gedächtnisses. IDBN 978-3-945610-50-3

Mit Kulturgütern der Länder, die im Zuge der Kolonialisierung in Besitz genommen wurden, wurde nach der Eroberung durch die westlichen Mächte ein schwunghafter Handel betrieben. Das hatte auch mit der Entwicklung der Museen zu tun, die im 19 Jahrhundert, sehr oft entstanden als Raritätenkabinett der Landesherrscher zum Aushängeschild der Herrscher wurden. Sie wurden Teil der jeweiligen Repräsentanz. Sie waren auch das Motiv für Ausgrabungen und Forschungen. Dies wird zum Teil sehr deutlich an den Projekten des jungen Kaiserreichs Deutschland. Gleichzeitig waren Wissenschaftler und Forscher den Ergebnissen ihrer Forschungen tief verbunden, wenn man sich in die Geschichten dieser Forschungen vertieft braucht man nur an die Geschichte von H. Schliemann zu denken. Ohne ein tiefes Interesse an der jeweiligen Kultur waren diese Forschungen nicht denkbar.

Die Forschungen der französischen Professorin für Kunst und ihre Ausführungen zur kolonialen Beutekunst und europäischen Museen, in erster Linie französischen und deutschen, haben nun die Diskussion um Museen und ihre Bestände aus den kolonialen Ländern eine neue Dimension gegeben. Wie sehr damit auch das ganze Umfeld in Mitleidenschaft gezogen wird, zeigen die Diskussionen um einzelne Vertreter dieser Epoche und ihre nationale Verwurzelung. Das Radio und hier der Deutschland Funk widmete dem Themenkomplex und allen damit verbundenen Fragen eine lange Sendung am Sonntag den 29.8., in der auch die komplexen Fragen, die mit der geforderten Rückgabe verbunden sind und die nicht nur rechtliche Fragen berühren: so hat z.B. Deutschland einen großen Teil der Kunstgegenstände von Großbritannien gekauft, die als Kolonialmacht ungleich aktiver war als Deutschland.

Diese Diskussion, wie viele der in den Medien geäußerten Meinungen warf die Frage auf, nach Sinn oder besser Ziel dieser Diskussion. Denn sie unterscheidet sich in der Zielrichtung nicht grundsätzlich von dem, den die Beutezüge bewegt haben. Es geht um Besitz. Dies trifft auch auf die Jäger der Räuber zu: Die Beninbüsten, diese wunderschönen geheimnisvollen Abbildungen eines vergangenen Königreiches konnten jederzeit im Ethnologischen Museum in Dahlem besichtigt werden. Es ist uns von keiner Zeit berichtet wurden, an denen diese Ausstellung wegen Überfüllung geschlossen wurde.  Geht es also wieder nur um den Besitz? 

Museen und ihre Ausstellungen sollen Kommunikationsorte sein. Nicht der Besitz von Kunstwerken oder Materialien die uns die Kultur des fremden Volkes vermitteln, berechtigen die Ausgaben dafür, sondern die Kommunikation mit dem Fremden, die damit beginnen soll. Es geht um das Leben mit und durch den Gegenstand. Moderne Kunst bringt das oft ungeschönt zum Ausdruck, wenn der Besucher diese Kommunikation beginnt.

Man hat im Humboldt Forum das berühmte Phonogramm- Archiv geteilt in Gegenstände und die Dokumentation seiner Musik. Damit ist eingetreten, was schon lange Zeit befürchtet wurde und was in Reinform den europäischen und eingeengten Blick rechtfertigt, den ein so schönes Museum wie das Humboldt Forum schon jetzt alt aussehen lässt. Die Gründer des Phonogramm-Archivs, die vor   den Nazis in die USA flohen, ging es um die Welt und Weltläufigkeit im besten Sinn, um Verständnis einer fremden Kultur, um die Kommunikation der Kulturen untereinander. Die Musikethnologen haben grundsätzlich und sehr korrekt die außereuropäischen Musikinstrumente beschrieben. Diese Kenntnis ist wichtig aber sie vermittelt nicht die Berührung durch einen Sänger und Lautenspieler, wie Dahab Khalil aus Nubien: Artur Simon: Kisir und tanbura – Dahab Khalil ein nubischer Sänger von Sai, im Gespräch mit Artur Simon aus Berlin ISBN 978-3-940862-34-1. Der Anblick seiner Laute und besonders die Informationen über ihre Verbreitung vermittelt erste Informationen über diese Musik, aber ihre Stärke und Kraft vermittelt sie über den Gesang, in den Liedern spricht eine Kultur zu uns.

  Es werden keine Gegenstände und Kunst mehr geraubt, aber wer weiß heute schon, dass mit der Zerstörung von Aleppo ein lebendige Musikzentrum zerstört wurde, R. Royl Die Realisierung des Ataba in Syrien ISBN 978-3-945610-58-9. Dies geschah heute und ist dem Raub eines Gegenstandes nicht vergleichbar. Es wurden nicht Gegenstände weggenommen, die eigentlich nur der Beginn einer Kommunikation sind, sondern eine ganze Kultur, sowohl heute als auch in der Geschichte wurde hier in Aleppo zerstört und sie kann nicht wieder aufgebaut werden und kann auch nicht zu uns mehr sprechen.

Wie die Veröffentlichung: Ethnomusikologie Aspekte, Methoden und Ziele (A-Simon, ISBN 978-3-940862-07-5) zeigt, fehlte es der Musikethnologie lange Zeit an grundlegende Methode dieser Wissenschaft, auch eine Folge der allgemeinen Musikwissenschaft in Deutschland und ihrer Betonung eines klassischen Corpus und Ansehen. Es ist zwar Jahre her, dass der Leiter des Phonogramm Archivs den Auftrag erhielt, über einer Neugestaltung des Musikinstrumenten Museums nachzudenken, aber sein Vorschlag, Instrumente des Museums, der Abteilung für Musikethnologie mit der Sammlung des Musikinstrumentenmuseums zusammenzuführen, waren der Anlass für ein Schreiben, dessen Erschütterung ihm psychisch fast das Leben gekostet hätte. Dabei hätte man dadurch eine Weltläufigkeit geschaffen und demonstriert, die wir heute im Humboldt Forum so schmerzlich vermissen. Die Gelegenheit hier zum Beispiele die Verbreitung der Laute oder Laier zu zeigen, hat man nicht einmal in Betracht gezogen. Man zog sich lieber auf die historischen Bezüge zurück.

Daher ist es eigentlich folgerichtig, dass die Zentral und Landesbibliothek keinen Platz mehr im, Humboldt Forum fand. Sie ist für keine Klasse gedacht und dient der Aufklärung und dem Wissen der Allgemeinheit. Das war folgerichtig. Die Allgemeinheit hatte im Humboldt Forum keinen Platz. Dabei vergaß man, dass auch im Barock die ersten Fürsten dieser Allgemeinheit Raum gaben und die ersten Lernräume in der Gestalt von Bibliotheken schufen, in der Überzeugung, dass reine Repräsentation ohne Wurzeln bleibt. Dies scheint sich bis Berlin nicht herumgesprochen zu haben. Berlins Schielen nach dem Tourismus trägt hier faule Früchte. Und dies zur Zeit der grassierenden Fake News. Nicht nur schade, sondern gefährlich.

Warum gilt Aufklärung als fundamentalistisch? und weiter: Aufklärung und Freiheit sind Ideen, die an ihren Ansprüchen scheitern.

Hanna Arendt, der glühenden Verteidigerin der Freiheit Die Freiheit, frei zu sein, München 2018, hätten diese Aussprüche nicht gefallen, wohl aber eventuell den Wahlbeteiligten im Osten der deutschen Republik, die heute mit den immer deutlicher werdenden Brüchen zwischen Ost- und Westeuropa konfrontiert werden.


Der Tagesspiegel vom 30. Mai: „Das Gewand der Königin. Europa Regina zeichnet ab dem 16. Jahrhundert eine Westorientierung der Mächte“, die auch nach dem Abbau der festen Grenzen nach 1989 wieder zum Vorschein gekommen sind. Der Optimismus, mit dem die EU-Erweiterung begann, ist einer Grundskepsis gewichen, die nicht allein dem wirtschaftlichen und sozialen Bruch galt, der dieser Erweiterung folgte, sondern auch keine europäische Einigung unmittelbar einleitete. Liberalismus und Demokratie haben kein unmittelbares Erbe in den Staaten des ehemaligen Ostblocks und haben dem Demokratieüberdruss, dem Nationalismus und dem Aufkommen neuer Potentaten von Urban bis zur Pispartei in Polen den Boden bereitet. Aber nicht nur im Parteiengeflecht des ehemaligen Ostblocks schälen sich neue Machtpositionen heraus. Auch die Kräfteverhältnisse innerhalb der EU können sich verändern und damit Erneuerungen in Administration und Gesellschaft notwendig machen. Peripherie und Zentrum stehen sich gegenüber und bieten gleichzeitig die Identität allen den Staaten an, die jetzt, und eventuell vorübergehend, oligarchische Strukturen bevorzugen und damit alle Staaten entlasten, die sich mit Freiheit und Verantwortung überfordert fühlen.


Dabei war der Kampf dieser Staaten um Freiheit und europäische Zugehörigkeit nicht trivial. Der Garten der zerbrochenen Statuen (ISBN 978-3-945610-40-4) zeichnet den erschütternden Weg, den die Zensur durch die Bildung des russischen Staates genommen hat. Wir gehen davon aus, dass dieses Buch in der Gegenwart eine Fortsetzung schreibt. Wege der Hoffnung (ISBN 978-3-945610 20-6) ist nicht nur die Lebensgeschichte eines litauischen Intellektuellen, der sein Glück in den USA gemacht hatte, es ist gleichzeitig eine Hommage an den unbekannten deutschen Soldaten, der einst die Familie aus dem brennenden Dresden rettete. Immer wieder scheint der Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung diese Erzählungen zu leiten, aber gleichzeitig sind die Kräfte für den Aufbau einer Demokratie bzw. Liberalität nicht sichtbar. Der Wunsch nach wirtschaftlicher Erholung und Beteiligung ist mit Händen zu greifen, es fehlt aber der Wille zur Teilhabe und Gestaltung jenseits der Schilderung der persönlichen Notlagen und Ängste.

Aufklärung war die Grundlage des preußischen Staates, als der versuchte, sich aus dem Geflecht eines Obrigkeitsstaates zu befreien. Dies ist ihm sehr spät, wenn überhaupt, gelungen. Deshalb sollte die Bundesrepublik schon aus dieser Tradition heraus, in ihrem Erbteil Verständnis für die autoritären Strukturen der europäischen Staaten an der Peripherie aufbringen, aber auch gleichzeitig alle Möglichkeiten mit entwickeln, die eine solche politische Zukunft verhindern.   

Mythos Lesen - Mythos Buch

Mythos Lesen - Mythos Buch

Machen Sie mit!

www.nationaler-lesepakt.de, eine Zusammenarbeit der „Stiftung Lesen“ und dem „Börsenverein des Deutschen Buchhandels“, ist der Wochenzeitschrift Die ZEIT eine ganze Seite wert.

„Lesen- eine wahre Superkraft. Lesen eröffnet uns die Welt. Und unseren Kindern eine gute Zukunft. Dafür machen wir uns stark. Das Ganze illustriert mit einem Jungen, verkleidet als Superman und somit passend für die Zielgruppe nicht nur der Eltern, sondern auch der „Jungen, die in der Gruppe der Nichtleser besonders zahlreich vertreten sind.“

Der Nationale Lesepakt wartet mit einem großen Angebot an Veranstaltungen und Preisen auf. Er liest sich wie das Who is Who aller Bücher- und Lesemenschen, die sich in diesem Land kraft ihres Amtes, ihrer Überzeugung und ihrer Ängste zusammengefunden haben, zu einem Zeitpunkt, da das geschriebene oder gedruckte Wort immer weiter an Resonanz verliert, um den Mythos Lesen und dem Buch die Stellung zu erhalten, die diese offensichtlich verlieren.

Der nationale Lesepakt ist die gebündelte Kraft eines ganzen Landes, dem Lesen die Superkraft zu bewahren bzw. möglichst zurückzugeben. Es ist nicht die erste Initiative für das Lesen. Als vor fast 50 Jahren die US-amerikanischen Wirtschaft in einer Untersuchung die Höhe der Mittel feststellte, die ihr durch die fehlende Lesefertigkeit ihres Personals in Handwerk und Betrieben verlorengingen, begann sie eine Kampagne, die an Umfang und Tiefe der jetzigen hier in Deutschland in nichts nachstand. Obwohl sie großzügig Mittel gerade in die kommunalen Bibliotheken spülte, war der Erfolg damals in den USA begrenzt. Steht dem deutschen Lesepakt jetzt ein vergleichbarer Misserfolg ins Haus?

Als vor fast zwanzig Jahren eine Untersuchung über den Einsatz digitaler Informationsmittel in der Lehre die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machte, dass die Lehre in analogen Bahnen verlief und die Studenten in dem Einsatz digitaler Informationen nicht geschult wurden und diese entsprechend auch nicht nutzten, wurden diese Studien weder gelesen noch in Handlungen umgesetzt. Auch wenn die heute Studierenden die Veranstaltungen mit dem Smartphone bzw. Tablet begleiten, so liest sich das gegenwärtig auf allen Kanälen geäußerte Bedauern über das digital rückständige Deutschland wie eine Abschrift dieser früheren Studien.

Die von Klaus Benesch vorgelegt Untersuchung über Buchkultur und Geisteswissenschaften im Informationszeitalter (Bielefeld 2021) nimmt einen anderen Standpunkt ein als die dem Lesepakt zugrunde liegenden Überlegungen. „Wie wir lesen“ versucht die Geschichte und Rahmenbedingungen, und damit den verschiedenen Ausprägungen dieser Kulturtechnik, auf den Grund zu gehen. Benesch fasst damit nicht nur Untersuchungen und Ergebnisse der früheren Jahre aus verschiedenen Institutionen und Kongressen zusammen, sondern gibt durch den Hinweis, dass die Krise des Buches bereits in der Hälfte des 19. Jahrhunderts seinen Ausgang nahm, als das Buch sich nicht nur einer elitär-gutbürgerlichen Gruppe öffnete, sondern immer mehr zum Allgemeingut „verkam“, dem Thema eine ganz neue inweis, Blickrichtung.

Mit der kurzen Erwähnung, dass gegenwärtig die Lesekultur der Jugend völlig andere geschult ist als vor Jahren, dass es also sein kann, dass wohl gelesen, aber anders und anderes gelesen wird, zeigt die Notwendigkeit zur Änderung der Blickrichtung.

Es kann ja sein, dass die Angebote, die heute gemacht werden, wohl eine leicht pessimistische Haltung gegenüber dieser Kulturtechnik verstärken, aber damit der Lesemotivation der Jugend nicht förderlich sind. Warum, fragt man sich, werden die Ergebnisse der Bundesligaspiele nicht nur gelesen, sondern auch im Gedächtnis verankert?

„Lauschen und Lesen“, deren Gedichte einer Veranstaltung einer kleinen Jazzgruppe dienten, zeigte, wie man Lesen und Hören oder Hören und Lesen an den Mann bringen kann. Es ist ein Umdenken gefragt, damit wieder gelesen wird oder besser noch, damit wir den richtigen Eingang zum Lesen wieder finden.

Aktuell ist Stille. Wir planen für die Zukunft

Die hoch angesiedelte Konferenz Digitale Wissenschaft (Stand und Entwicklung digital vernetzter Forschung in Deutschland 20.09.2010 in Köln, OPUS 4 | Digitale Wissenschaft - Stand und Entwicklung digital vernetzter Forschung in Deutschland (hbz-nrw.de) endete mit dem Schlusswort: „ … dass uns bei all den Diskussionen ... derzeit noch keine echte, d.h. virtuelle, Alternative zu einer Tagung eingefallen ist, kein Tool, keine Technik, die das gemeinsame Diskutieren und Erleben, die viel zitierten Gespräche in der Kaffeepause ersetzen kann …".

Bibliotheken haben sich relativ spät auf ihre Aufgabe als Zentrum der Kommune besonnen. Sie haben sich als Bücherschrank für jedermann, als Lernort und als Bildungseinrichtung definiert, ohne diesem Anspruch wie Karsten Schuldt nachwies, praktisch nachzukommen. Erst der in deutscher Übersetzung publizierte Aufruf von David Lankes, „Erwarten Sie mehr“, der ein lebhaftes Echo in der Kulturstiftung der Länder fand, wies der Bibliothek die Aufgabe zu, Mittelpunkt der Kommune zu sein. (s.a. „Die andere Bibliothek - Brief an eine Altbekannte“ unter Die andere Bibliothek - Brief an eine Altbekannte - Magazin 30 | Kulturstiftung des Bundes (kulturstiftung-des-bundes.de). Dabei wurde diese hier angesprochene Kommune weder rechtlich noch politisch eingegrenzt: Menschen, die sich nachbarschaftlich, mit einer Aufgabe, regional oder lokal, vernetzen wollen, sollten die Bibliothek als Zentrum ihrer Kommune ansehen. Mit dieser Aufgabe wurden auch die über die Entwicklung der letzten Jahrhunderte in den Bibliotheken getroffene Einteilung in Öffentliche oder Wissenschaftliche oder welche Unterschiede auch immer herausgestellt und gewünscht waren, in die zweite Reihe verwiesen.

„Im Schnittpunkt von Buchökonomie und Buchkultur stehen die Auswirkungen der Digitalisierung“, sagt die Professorin der Erlanger Buchwissenschaft Ursula Rautenberg. Es sieht aber zurzeit so aus, als ob dieser Schnittpunkt verloren zu gehen droht, weil die Angebote derzeit nur aus Digitalierungsvorhaben bestehen: mögen es Konferenzen und andere digitale Treffen, Fortbildungen oder Informationsangebote sein. Es war eine sehr mutige Entscheidung, die Buchmesse in Leipzig im Frühjahr 2021 abzusagen, weil, wie Oliver Zille es sehr klar ausdrückte, eine Messe eine Begegnung auf den verschiedenen Ebenen erfordert und dieses digital nicht möglich ist. Dem stimmen wir zu, obwohl uns diese Absage aus vielen Gründen sehr geschmerzt hat.

Was wird aus einer Buchwissenschaft ohne Buch?“ fragt die Erlanger Buchwissenschaft. Und wir können uns nicht des Eindrucks erwehren, dass die Vorherrschaft des Digitalen, dem sehr oft die Aura des Modernen anhaftet, durch die Aufholjagd des Buches in kleinen Buchläden leichte Risse bekomme hat. Auf der Ebene des Politischen hat dies Sorge auslöst, wie die Gründung eines nationalen Lesepaktes (Lesen eröffnet uns die Zukunft. Und unseren Kindern eine gute Zukunft. Dafür machen wir uns stark) zeigt. Dabei findet die Gründung dieser Stiftung ihr Pendant in Russland, getragen von ähnlichen Sorgen, dass die Beschäftigung mit einem Buch und einer Geschichte wohl andere Teile unseres Gehirns anspricht als eine permanente Beschäftigung mit elektronischen Nachrichten. Dies sagen wir hier auch angesichts einer permanenten pädagogischen Bedrohung der Kinder durch übermäßigen Fernsehgenuss bzw. Bildschirmkonsum in der Vergangenheit, der sich jetzt als erforderlich erweist.

Wie sehr Bücher zum guten analogen Leben beitragen können zeigen u.a. „Guten Tag - haben Sie Bücher“, dieses kleine Büchlein, das das Leben in der Stadtbücherei Marzahn nachgezeichnet hat, und sich als Bestseller erwies, wie auch die sanfte Satire „Ich bin ein Bibliothekar“ über einem Bibliothekar, der seinen Beruf als Partner des Lesers über alles liebt und aufgeben soll, zugunsten eines unnötigen Programms intellektueller Beschäftigung.

„Verantwortung für alle“ lauten jetzt schon die Forderungen, die auf tiefgreifende soziale und ökonomische Veränderungen hinweisen, die uns das Abflauen der Epidemie und ein Ende der Stille bringen werden. Den Bibliotheken wird dabei eine große Verantwortung zufallen, die sie auch einfordern sollen. Mit dem Sammelwerk: „Bibliotheken.Wegweiser für die Zukunft. Projekte und Beispiele“ zeigen sie, dass sie das können, man muss sie nur lassen und fordern (erscheint im 2. Halbjahr 2021). 

Rainer Kappe

Kollege, Freund und Berater - RIP

Als das Deutsche Bibliotheksinstitut zu Begin des neuen Jahrhunderts unterging, versuchte Rainer Kappe in dem Chaos zu retten, was noch zur retten war und den vielen Kollegen wenigstens den Hauch einer Zukunft zu vermitteln. Er selbst erhielt eine gute Zukunft im Jüdischen Museum. Dort sahen wir uns wieder. Er war zusammen mit anderen Autor und Herausgeber für Das Tagebuch des Klaus Seckel. ISBN 978-3-940862-14-3. Er beriet den Simon Verlag für Bibliothekswissen während des schwierigen Beginns seiner Tätigkeit und illustrierte einige der neuen Publikationen.  Rainer Kappe begleitete uns über viele Jahre. Wir werden ihn nie vergessen.

Ich bin ein Bibliothekar

Gotthold Ephraim Lessing war einer. Er gab der Wolfenbüttler Bibliothek das Gesicht eines Lern- und Wissenszentrums. Antonio Panizzi formte das British Library Museum zu der effektiv arbeitende British Library um und gab ihr ein prägendes Gebäude. Benjamin Franklin mit seinen Vorschlägen zur Systematik förderte die Gründung öffentlicher Bibliotheken in Frankreich und Gallardo legte die ersten Grundlagen für ein von Aufklärung und Liberalismus getragenem Bibliothekswesen in Spanien. Leider musste er diese Ideen mit zeitweiligen Gefängnisaufenthalten bezahlen, anders als bei der Bibliothek für Ausländische Literatur in der Sowjetunion, in der eine große Anzahl verdächtiger Intellektueller für Jahre Arbeit und Schutz vor der Perestroika fanden. Die Lebenskrise der Bibliothekare in der Bundesrepublik wurde von Rainer Strzolka traurig und komisch dokumentiert in: Der Bibliothekar – ein Monodrama, von den slowenischen Kollegen mit Vergnügen übersetzt.  

Bibliotheken bildeten immer den Hintergrund kultureller Blüte, wie die Übersetzungsschulen in Toledo, die gleichzeitig die ersten Leihzentralen bildeten und damit die Klöster des frühes MA mit Wissen und Möglichkeiten des Studiums ausstatteten. Daher ist es kein Wunder, dass die Bibliothek von Alexandria vor einigen Jahren neu aufgebaut, zu einem nationalen Erbe Ägyptens wurde, die in der Revolution vor einigen Jahren von allen Bewohnern geschützt wurde, wie David Lankes in Erwarten Sie mehr, 2017, berichtete.

Es waren Bibliothekare, die im Hintergrund, sehr oft intensiv ihrer Aufgabe verpflichtet, in das Zentrum des Interesses rückten. Graue Maus oder Literaturluder - das Bild der Bibliothekarin in der Belletristik ausgewählter Länder nennt Cornelia Fix ihre 2008 erschienene BA-Arbeit. Dieser Trend wurde durch Veröffentlichungen und andere Medien verstärkt, die das Bild der Bibliothekarin zeichneten, sehr oft mit einer leicht negativen Tendenz, altmodisch, nicht zeitgemäß, oft komisch. Hemdesusen, diesen Titel erhielten sie in einem Bericht über einen Kongress öffentlicher Bibliotheken in den 50er Jahren.

Veröffentlichungen und Kommissionen über das Berufsbild folgten auf Kongressen und Tagungen. Altmodischer Habitus bestimmte den Ton des Unzeitgemäßen dieser Berufsgruppe von der Kritik bis hin zur persönlichen Beleidigung. Als die Informationswissenschaft begann, die Informationsvermittlung zu erobern, und Ideen eines sich lohnenden Marktes das erste große staatliche Förderprogramm in der Bundesrepublik bestimmten, nivellierte sich in vielen Ländern weiter der Ruf der Bibliotheken zu veralteten unbrauchbaren Einrichtungen, besonders des Personals, das diesem neuen Zeitgeist und rapiden Entwicklung nicht gewachsen sei.

Der smarte Manager hielt Einfluss. Eingangs heftig beklatscht, wie der unglückselige Manager von Bertelsmann mit seinem Preisgesang auf die totale und kontrollierte Beherrschung der geistigen Welt, besonders der Musik, durch das Internet in einer internationalen Tagung in Berlin in den 90er Jahren.

Guten Tag - haben Sie Bücher dagegen, dieses Tagebuch einer öffentlichen Bibliothek in Berlin-Marzahn, zeichnet die unermüdliche Informationsarbeit seines Personals für jedermann bis hin Einrichtung von Schreibwerkstätten.



Und nun diese Satire.

Christer Hermansson: Ich bin ein BIBLIOTHEKAR!


Eine scheinbar altbackene Beschreibung eines Menschen, der diesen Beruf liebt und mit ihm tief zufrieden ist. Administrativen Aufgaben wie Rechnungslegung etc. unterzieht er sich ohne Widerspruch. Nur die Absurdität der neuen Aufgaben einer smarten Managerin unter der Zerstörung seiner für die Bibliothek so wichtigen Kompetenzen erkennt er nicht. Oder doch???

Die neue Managerin erreicht schnell ihr Ziel...

Wir wollen den Autor, Christer Hermansson, nach Deutschland einladen für Lesungen und Begegnungen. Er spricht Deutsch. - Wir suchen dafür Partner und Mitstreiter - Termin offen (Dank Corona).

Spannend verspricht das Gespräch zu den verpassten (oder politisch nicht gewollten?) Chancen für Bibliotheken während der Corona-geprägten Zeit zu werden.

 

Kontakt und Bestellungen:

Telefon: 030 44739675

per email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! 

Fake News und wir. Neue Formen der Macht und des Wissens

Vor einer Dekade veröffentlichte die junge Bibliothekarin und Pädagogin Eva Homeyer Informationskompetenz in Grundschulen. Probleme und Perspektiven für Schüler und Lehrer, ISBN 978-3-940862-03-7. Das Buch war hervorragend recherchiert, sehr gut geschrieben und erhielt auch ausgezeichnete Kritiken. Es wurde nicht verkauft, daher nehmen wir an, dass es nicht gelesen wurde.    
   

Fake News, Propaganda und Desinformation im Digitalen Raum, ISBN 978-3-945610-55-5 nennt Johannes Elia Panskus sein Buch, das auf der Büchermesse in Leipzig 2020 vorgestellt werden sollte. Eine Entwicklung von 10 Jahren im Vergleich zu dem Buch von Homeyer, bei der Digitalisierung ein Lebensalter, was eigentlich Fortschritte aufzeigen sollte und doch mit der Coronakrise das ganze Elend der Digitalen Entwicklung in diesem Land nur anhand dieser einen Publikationen vor Augen führt. Mangelnde Ausstattung mit Hardware sowie eine fehlende Integration in den Unterricht, die die nicht wahrgenommene Verantwortung auf den Schultern einiger leidenschaftlicher Nerds ablegte, die aber weder durch eigene Weiterbildung noch durch Unterstützung der Schulleitungen, mögen es die Schulen selber oder deren höheren Funktionen sein, umgesetzt wurde. Politische Digitalpakte helfen dann wenig, wenn nicht der Erwerb der digitalen oder Informationskompetenz als Zielvorgabe definiert und verfolgt wird.

Die Coronakrise brachte es an den Tag, als von heute auf morgen Kinder mit Hilfe der elektronischen Medien unterrichtet werden sollten und es bedurfte dem Beispiel einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen, in der der Unterricht wirklich in dieser Art stattgefunden hat. – Ohne Eltern und ohne genervte Kinder. Der Ministerpräsident von Thüringen will weitere Lockerungen der Corona-Verbote, um die Wut der Mitbürger und die Flut der Fake News einzudämmen. Was für eine Verwechslung von Ursache und Wirkung. Fake News sind nicht Folgen einer Wut, sondern Folgen mangelnder Ratio und wie die Familienministerin bei der montäglichen TV-Sendung von Hart aber fair sagte, die sogenannten digital natives können das Internet in ihrer Tiefe und Breite nicht nutzen, es sind digitale Verbraucher, die amazon jetzt einen Riesengewinn bescheren, aber nicht die Informationsquellen nutzen, die den fake news den Boden entziehen würden.


Mit der Aufklärung der Neuzeit bekam der Glauben an Teufel und Hexen neuen Auftrieb, manchmal auch genutzt von der Kirche, um Menschen in ihrem gehorsamen Unglauben zu lassen. Wenn die Kirche auch damals geglaubt haben mag, ihre Macht auf diese Art zu bewahren, es war ein Irrtum.  Der Staat von heute möge es die nationale, kommunale oder Länder-Ebene sein, deren Interesse dem Machterhalt oder Zuwachs gilt,  sie sollte diesen Irrtum nicht verfolgen. Es hört sich einfach an und verliert doch durch die Wiederholung jede Wahrheit. Fake News, irrige Ansichten lassen sich nicht durch einmalige Gespräche aus der Welt schaffen, sondern nur durch Informationen, den rechten Zugang zu ihnen und den Umgang mit diesen Werkzeugen. Mit Zwischen Informationsflut und Wissenswachstum – Bibliotheken als Bildungs-und Machtfaktor der modernen Gesellschaft wies W. Umstätter schon vor Jahren auf diesen Paradigmenwechsel in der Macht hin, und verknüpfte ihn mit der Forderung nach einer neuen Infrastruktur, auch den Wechsel und die neue Wertigkeit, die Information und Wissen mit sich brachte und bringt. Dies hat sich nun erneut bewahrheitet. Corona bringt es an den Tag. Dies  wurde nicht nur von einem Teilnehmer des oben genannten Hart aber fair in das Publikum getragen. Viele Mittel für die Lufthansa (wenn auch nur als Kredit), aber anscheinend immer noch keine für die Zukunft. Wie wird unsere Zukunft aussehen, wer wird sie sichern?


Ungeklärte Fragen und keine Antwort.              

Unsere Autoren- eine Hommage des Simon-BW-Verlages

Der Simon-BW- Verlag wird in diesem Jahr zehn Jahre alt. Das ist nicht alt. Er ist immer noch der Benjamin im Vergleich zu vielen älteren und größeren Verlagen. Wir wollen auch die Schwierigkeiten kleiner selbstständiger Verlage durch keinen Bericht unseres Kampfes ums Überleben ergänzen, sondern wir wollen dem Fundus unserer Arbeit, unser Zentrum, unsere Überlebensbasis, den Quell unserer Freude in unserer täglichen Arbeit in den Mittelpunkt dieser Chronik stellen, unsere Autoren.

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Stephan Büttner

Wie sich die Informationswissenschaft in der digitalen Transformation behauptet

Zwei vielversprechende Ansätze, um sich immer wieder neu zu etablieren

Stephan Büttner (Hrsg.), Die digitale Transformation in Institutionen des kulturellen Gedächtnisses - Antworten aus der Informationswissenschaft, Simon Verlag für Bibliothekswissen, Berlin 2019.

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Information Literacy darf nicht nur ein Traum sein.

Open Access hieß die Devise, als das Internet die Hoffnung auf freien Zugang zu alles Informationen ohne Schranken versprach. Information Literacy wurde gefordert, damit alle nicht nur den Zugang zu den Informationen hatten, sondern auch im vollen Umfang nutzen konnten. Aber schon vor mehr als zwanzig Jahren, damals belächelt von allen Informationssprofis, veranstaltete die Friedrich Ebert Stiftung einen Kongress zum Hass im Internet. Aktuell ist deutlich geworden, nicht nur Hass und Verleumdung, sondern Fehl-, Falsch und Desinformationen verfälschen die Räume und Träume vom barrierefreien Open Access.

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Fake-News: Fehl-, Falsch- und Desinformation

Open Access war die Devise , als das Internet die Hoffnung auf freien Zugang zu alles Informationen ohne Schranken versprach. Information literacy wurde gefordert, damit alle mit dem neuen Medium umgehen konnten und  nicht nur den Zugang zu den Informationen hatten, sondern auch im vollen Umfang nutzen konnten.

Aber schon vor mehr als 20 Jahren, damals belächelt von allen Informationssprofis, veranstaltete die Friedrich-Ebert-Stiftung einen Kongress zum Hass im Internet. Die Gegenwart zeigt uns heute, nicht nur Hass und Verleumdung, sondern Fehl-, Falsch- und Desinformationen  verfälschen die Räume und Träume des Open Access.

Schon Stefan Hauff-Hartig. Fehl-, Falsch- und Desinformationen aus dem Blickwinkel der Informationswissenschaften weist auf die Kenntnis des Kontexts  hin, um den Wahrheitsgehalt von Informationen zu entschlüsseln. Willi Bredemeier erfragt von Spezialisten und Hochschullehrern in Die Zukunft der Informationswissenschaft - Hat die Informationswissenschaft eine Zukunft? Gegenwart und Zukunft, Perspektiven und Forschungsfronten als Folgen der Digitalisierung. Dies sind nur einige Punkte der hier vorgelegten Untersuchung.

Mit dem Sammelwerk Die digitale Transformation in Institutionen des kulturellen Gedächtnisses hat Stefan Büttner Antworten aus der Informationswissenschaft auf die Umwälzungen der Digitalisierung herausgegeben. Nicht nur Bibliotheken und Forschung, sondern auch Museen und  Institutionen stehen vor Forderungen einer neuen Zusammenarbeit, die von jedem digital literacy erfordert und damit die  früher geforderte information literacy dramatisch weiter entwickelt.  Diese information literacy wird nicht nur von einigen Institutionen und Wissenschaftlern gefordert, sondern von jedem einzelnen, damit er nicht verständnislos in einer Welt verloren geht, die sich dramatisch verändert.

amazon – Seien Sie sorgfältig!

Nicht jedes Buch, das Sie bei amazon bestellen, wird an den Verlag weitergegeben. Bestellen Sie direkt bei uns per Email oder auch telefonisch. Jedes Buch aus unserem Verlag wird Ihnen innerhalb eines Tages portofrei geliefert.

Die andere Bibliothek

BRIEF AN EINE ALTBEKANNTE von Richard David Lankes – als Vorbereitung für den Bibliothekartag Juni 2018 in Berlin und für die Zukunft

Liebe Bibi,

Du bist nicht die einzige Bibliothekarin, die sich Sorgen um die Zukunft der Bibliotheken macht. Entweder bekommt man gesagt, Büchereien seien altmodisch oder überflüssig geworden, oder man hört, dass Bibliotheken in Zukunft eher als eine Art Stadtteilzentrum fungieren sollen, eher Erlebnisse als Lesefähigkeit und Bildung vermitteln sollten. Du fragst Dich, warum wir eigentlich ein neues Bibliothekswesen benötigen, das die Rolle der Büchereinen - und Deine eigene - in einer modernen und diversen urbanen Gesellschaft neu denkt.

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