Zum Bibliothekartag und Büchermesse 2019 in Leipzig

Es ist ziemlich sicher, dass keiner der Besucher und aktiven Teilnehmer des Bibliothekartages 2019 in Leipzig und auf der anschließenden Büchermesse in Leipzig große Freude an diesem Spruch gehabt hätte, der das Hamburger Rathaus schmückt. Kongress und Messe widmeten sich der Zukunft, der so schillernden wissend und unwissend zitierten Digitalisierung mit den diversen Wortneuschöpfungen und einem Ausblick der verschiedensten Darstellungen, die im Vergleich zu früheren Zeiten oft mit dem Ausspruch endeten, man wisse sowieso nicht, welche Folgen zu erwarten wären.

Obwohl Buchmarkt und Bibliothek in ihrer Zielsetzung sehr verschieden sind--man war der Kulturstaatsministerin Grütters sehr dankbar, dass sie in ihrer Rede zur Eröffnung der Buchmesse von dem Buch als Kulturträger und ökonomischen Gut unterschied, (haben doch kleine Verlage sehr oft die Erfahrung gemacht, dass eine solche Unterscheidung beim lokalen Finanzamt Hohnlachen hervorruft) so ähnelten sich Probleme, Debatten und Lesungen auf diesen beiden Tagungen in frappierender Weise.

Sowohl beim Thema Herausforderungen bewältigen, wie auch lesen leider ungenügend stand nicht das Buch, sondern das Lesen im Vordergrund: die Bibliothek als sozialer Raum, der mehr Impulse für interkommunale Zusammenarbeit bieten soll, wie auch nach Dr. Nelle ein Sensorium für die Anpassung an die Notwendigkeit der Veränderung ausbilden soll, muss proaktive diese Aufgaben in Angriff nehmen. Dazu gehören kollaboratives Arbeiten, Aufgabendifferenzierung , die zum Paradigmawechsel befähigen und in performativen Clustern Aspekte der Bibliotheksarbeit darstellen, die nur wenig mit der traditionellen Bibliotheksarbeit identifiziert werden können.

Lesen leider ungenügend könnte und sollte zu einer neuen Zusammenarbeit zwischen Schule und Bibliothek führen. Dies wurde dadurch unterstrichen, dass nach der Debatte um Fehl- Falsch-und Desinformation geführt von Prof. Büttner und Stefan Hauff- Hartig auf der Messe Lehrer den Stand von Simon BW belagerten, weil sie von der Bibliothek Hilfe erwarten in dieser kritischen Situation , in der nach der IGLU Studie 2018 20 % aller 15 jährigen nicht lesen können. Diese grundlegende Kulturkompetenz wird von knapp einem Viertel der Menschen nicht erworben. Dieses schränkt nicht nur den Gebrauch des Internets ein, sondern befähigt nicht, fake News zu erkennen und im Umfeld richtig einzuschätzen.

Diese mangelnde Lesekompetenz schränkt nicht nur die kommunikative Kompetenz ein und damit die politische und gesellschaftliche Entwicklung jedes Individuums, sondern auch die demokratische Struktur Deutschlands. Die Bibliotheken bieten nicht nur Fortbildung zur Leseförderung an, sondern auch zunehmend den Erlebnisort Bibliothek mit mehrmoduligen Kinderbuchclustern u.ä . Dazu gehört, dass die performative Arbeit in den Bibliotheken entwickelt werden muss. Die Direktorin der Hamburger Öffentliche Bücherhallen betonte die Notwendigkeit zur Ausbildung dieses neuen Bibliothekars auch mit einem kritischen Blick auf den Bologna Prozess, der zugunsten anderer Wertungen die Ausbildung zur kommunikativen Kompetenz vernachlässigt hat. Ihr Statement zur bevorzugten Einstellung von Hotelpersonal verglichen mit ausgebildeten Bibliothekspersonal wurde - verständlicherweise gerade von den jungen Kollegen—negativ bewertet. Es mag dabei weder ihr, noch ihren Zuhörern bewusst gewesen sein, dass ausgerechnet im fernen türkischen Zypern in Famagusta Ende des 90er Jahre , in der Zentralbibliothek der internationalen Universität dort die damalige Direktorin das Personal ihrer Bibliothek aus den umliegenden Hotels rektrutierte und damit einen Eingangs-/ und Servicebereich den Nutzern anbot, der in seiner freundliche fröhlichen Atmosphäre heute noch allen in Erinnerung ist, die diese Bibliothek je besucht und genutzt haben. Sie schuf damit ein Image der Bibliothek, dass zu der Wertschätzung der Universität entscheidend beitrug.

Die Transformation der Bibliothek wird von den Bibliothekaren gesehen und die Notwendigkeit nicht geleugnet. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass diejenigen, die heute Pensionäre sind , noch die Untiefen der Preußischen Instruktionen kennen gelernt haben. Sie sind auch mit einem geregelten Bibliotheksablauf aufgewachsen, der im krassen Gegensatz zu den heutigen Forderungen steht. In diesem Zusammenhang muss auch der Verdienst von Walter Hofmann, die in den Kongress News N. 3 vom 20.3. erwähnt, kritisch gesehen werden. Der Simon –BW- Verlag wird dazu noch in diesem Jahr ein Buch herausgeben.

Als die Kinder der ersten Gastarbeitergeneration Ende der 60er Jahre die Hamburger öffentliche Bücherhallen und auch die älteste Bücherhalle in Kohlhöfen bevölkerten, standen wir diesem Ansturm hilflos entgegen . Mit Zeitschriften (Die Sesamstrasse) und privatem Import türkischer Bücher durch den Musikethnologen Kurt Reimhardt und seiner Frau wandelte sich die Bibliothek zu einem Lieblingsort der Kinder der Gastarbeiter. Es war aberunmöglich, den Vater oder Mutter zur Registrierung in die Bibliothek zu locken. Also nahmen wir Kontakt mit der nahe gelegenen Schule auf und stellten allen Kindern einen Ausweis aus, der der Lehrerin zur Bewahrung ausgehändigt wurde. Dieses wahrhaft unbürokratische Handeln führte zu einer Anfrage an den Direktor während der damals in Hamburg kontinuierlich stattfindenden Mitarbeiterversammlungen. Schweigen des Direktors und dann die Antwort, Sie wissen, dass Sie damit die Regeln der HÖB verletzt haben- ---Schweigen--- machen Sie weiter so !

Die Umwandlung zu einer Bibliothek als geschätztes Zentrum der community wie von R. D.Lankas vorgestellt (siehe dazu Die andere Bibliothek, Brief an eine Altbekannte www.kulurstiftung-bund.de/stadtbibliotheken) wird –wie in anderen Städten auch in Hamburg- nicht immer ohne Störung und Probleme geschehen. In Hamburg haben sich um 1600 die ersten demokratischen Ordnungsvorstellungen in Ritualen manifestiert, wie Ruth Schilling in ihrer Dissertation darlegte. Wir hoffen, dass Hamburg sich dem Eingangsspruch verpflichtet fühlt und damit zum Anführer-nicht Leuchtturm -einer Bibliothek für die Kommune- groß oder klein- öffentlich oder akademisch - wird. Auch ältere Bibliothekare würde freuen, wenn ihr Traum, oft verspottet , in der Realität angekommen ist.

Aktuelles

Umstätter

Prof. Dr. rer nat Walther Umstätter ist tot. Er starb in den Armen seiner Frau am 6. März

Walther Umstätter war ein Zeitzeuge, wie sie jetzt allmählich von der Weltbühne abtreten. Geboren am 12. Juni 1941 im Königreich Rumänien wurde er als Kind Zeuge des dramatischen Umbruchs in Ost und Mitteleuropa, deren Folgen heute erst absehbar sind Er wurde wieder Zeuge der gewaltigen Veränderungen nach dem Fall der Berlin Mauer und übernahm 1994 das Rektorat an dem Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt Universität Berlin.

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Wer als reicher Mann stirbt, stirbt schändlich,

sagte Andrew Carnegie, der von einem harten Stahlmagnaten zu einem der großzügigsten Stifter am Anfang des 20. Jahrhunderts wurde. Er stiftete Gebäude für die öffentlichen Bibliotheken in den USA und die berühmte Konzerthalle in London. Es ging ihm dabei nicht um Macht und Einfluss, sondern um Wissen und Kunst, Musik und Bildung für das Volk -Teilhabe für jedermann, auch für die Armen, zu denen er einst gehörte.

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Lesen ohne Hürden ---einfach erlesen---Bibliotheken verändern

Lesen ohne Hürden beschreibt der Berliner Tagesspiegel am Sonntag, den 27.1seinen Bericht über die zunehmenden Veröffentlichungen Berliner Forscher in Open Access Journalen und begründet dies mit den immer noch herrschenden Barrieren des Zugangs jedes Bürgers zu wissenschaftlicher Literatur. Ob die Open Access Journal wirklich nun den leichteren Zugang ermöglichen, wissen wir nicht. Aber der Artikel verschweigt die wahren Hintergründe, warum zunehmen Forscher auf Open Access Journale ausweichen. Die Basis dieser Entwicklung liegt leider auch in der unglückseligen Preisentwicklung wissenschaftlicher Zeitschriften, die daher die Bibliotheken zwangen, Abonnements zu kündigen, deren Autoren in großer Zahl auch ihre Leser waren. Die wissenschaftlichen Zeitschriften dienten in erster Linie der Kommunikation der Forscher.

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Amazon – Seien Sie sorgfältig !

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Hat der einzelne subjektive Komponist noch eine Zukunft? – über das Berliner Oaarwurm Festival 2018 für komponierte Musik

Es passt in die gegenwärtig aufgeregte Digitalisierungsdebatte, dass  Oaarwurm 4.0 sein Festival mit der Frage begann Komponieren analog oder digital ? und dazu 5 Experten eingeladen hatten, die sich  in einem R.T. dieser Frage stellten (moderiert von A-.O. Simon) Allen Teilnehmern: Frau Dr. Gisela Nauck Chefredakteurin der Fachzeitschrift Positionen, Michael Quell, Komponist und Hochschullehrer, Dr. Roland Jerzweski, Literaturwissenschaftler und Europa Experte. Dr. Gerhard Koch, Journalist, FAZ und Professor Dr. Rolf Großmann, Universität Lüneburg, FB Digitale Medien und Auditive Gestaltung waren einige Punkte zu Gestaltung des Gespräches vorher  zu gegangen. Außerdem hatten sie die Erinnerungen des Manfred Reichert: Fremder Ort Heimat, Berlin 2018 erhalten. Dieses Buch ist mehr eine Geschichte der Rezeption von Neuer Musik als eine persönliche Lebenserinnerung, weil sich in den zahlreichen hier veröffentlichten Rezension der Konzerte von M. Reichert die Rezeption Neuer Musik spiegelt, deren Anfänge Reichert in ersten Konzerten dem deutschen Publikum näher gebracht hatte.

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Gezügelte Leidenschaft Das Neo- Quartet Danzig auf dem Festival Oaarwurm 4.0 in Berlin

Ich kann natürlich keinen genauen Vergleich ziehen,  aber im Laufe  meiner Rezensionstätigkeit Neuer Musik für den Verlag Simon-BW war das Konzert des Neos Quartett vom 30.8 in der Brotfabrik Weissensee schlicht eine Offenbarung.  Komponieren – analog oder digital , hat der einzelne Komponist noch eine Zukunft?  fragte der R.T. b ei der Eröffnungsveranstaltung im Kulturhaus Friedrichshain. Die Diskussion lief auf die Frage zu, was Musik bewirkt. Der Einsatz technischer Mittel, so meisterhaft beherrscht von den digital natives, wie sie Gisela Nauck nannte, wurde auf seine  Möglichkeit, geprüft, Menschen zu berühren .

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Die andere Bibliothek

BRIEF AN EINE ALTBEKANNTE von Richard David Lankes – als Vorbereitung für den Bibliothekartag Juni 2018 in Berlin und für die Zukunft

Liebe Bibi,

Du bist nicht die einzige Bibliothekarin, die sich Sorgen um die Zukunft der Bibliotheken macht. Entweder bekommt man gesagt, Büchereien seien altmodisch oder überflüssig geworden, oder man hört, dass Bibliotheken in Zukunft eher als eine Art Stadtteilzentrum fungieren sollen, eher Erlebnisse als Lesefähigkeit und Bildung vermitteln sollten. Du fragst Dich, warum wir eigentlich ein neues Bibliothekswesen benötigen, das die Rolle der Büchereinen - und Deine eigene - in einer modernen und diversen urbanen Gesellschaft neu denkt.

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