Ein Anti-Heimat-Roman

Ein Anti-Heimat-Roman

Bildungsreise durch ein unbekanntes Land
Willi Bredemeier
2014
505 Seiten
softcover
ISBN 978-3-940862-68-6
19,50
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„Ich hätte für weiteren Lesestoff gemordet.“ 

Gerd Arens erinnert sich, wie er als Kind in der extrem bildungsfeindlichen jungen Bundesrepublik mit Lug und Betrug um jede Druckzeile kämpfen musste. Als Kleinkind traumatisiert findet er persönliches Glück allenfalls nebenbei, nachdem er sich von den Bevormundungen der Erwachsenen freigestrampelt hat. Immer noch sieht er mit anderen Augen auf die Welt. So nimmt er an dem Untergang der ländlichen Kultur teil und wird an dem Niedergang der proletarischen Arbeiterkultur rund um Kohle, Stahl, Brauereien und Druckindustrie beteiligt. Aber das Ruhrgebiet stellt sich ihm auch als kafkaeske Dienstleistungsgesellschaft in den Formen der Versicherungswirtschaft und Stadtverwaltungen dar. Während Arens durch die Schichten nach oben schießt, führt er an der neu gegründeten Ruhr-Universität Bochum ein Dreifachleben, als Fellow Traveller der 68er-Studentenrevolte, als Opportunist, der Wissenschaft auf die homöopathisch zuträglichen Dosierungen zur Förderung der eigenen Karriere reduziert, und als Schwelger im paradiesischen Überfluss wissenschaftlicher Bibliotheken. Als Redakteur an mehreren Ruhrgebietszeitungen jagt Arens Serienkiller und weitere Mörder und wird Zeuge, wie Wirtschaft und Politik die Modernisierung des Ruhrgebiets hintertreiben. Am Ende taucht Arens in eine Science-Fiction-Welt der Erarbeitung wissenschaftlicher Beiträge durch Roboter ein, während sich die Wissenschaftler um die Autorenzeile streiten. Arens zieht Bilanz zu sieben Jahrzehnte Ruhrgebiet, indem er fragt, wo der letzte Arbeiter geblieben ist.

Rezensionen

Auch wenn die 28 Jahre PASSWORD im Vergleich zu Nachrichten für Dokumentation (NfD) beziehungsweise der Information in Wissenschaft und Praxis (IWP) im 65. Jahrgang kaum vergleichbar sind, so ist es trotzdem eine Leistung, diese Zeitschrift, in der Willi Bredemeier für die Information Professionals kämpft, mit Leben erfüllt zu haben. Nun schrieb er seine Falschnamen-Memoiren als Anti-Heimat-Roman, in denen sich nur betroffene Insider wiedererkennen können.

Wer den ersten oder zweiten Weltkrieg überlebt, vielleicht auch Gefangenschaft überstanden hat, wusste nicht nur was Heimweh ist. Die Heimat und alle die dort blieben, erschienen insbesondere den jungen Soldaten verteidigungswürdig – ob sie wollten oder nicht, denn sonst wären ihre Opfer sinnlos gewesen. Was den meisten Menschen in der heutigen Globalisierung begrifflich nur schwer definierbar und nachvollziehbar ist, war den Heimatvertriebenen und Entwurzelten völlig selbstverständlich. Der heimatliche Werteverlust begann, als man anfing sich über Heimatfilme lustig zu machen. Der Hölle gegenüber, die nicht nur die jungen Landser an der jeweiligen Front durchlebten, erschien die Erinnerung an die Heimat wie ein Paradies. Natürlich war sie für die Verbliebenen keinesfalls paradiesisch. Insbesondere im Ruhrgebiet war sie das weder vor, während, noch nach dem zweiten Weltkrieg, wo sich insbesondere beim Wiederaufbau alle freuten, dass die Schornsteine endlich wieder rauchten. Da war die Heimatidylle bei genauer Betrachtung eher eine andere Hölle, die sich hier aus der recht sarkastischen Sicht des Pseudonyms Gerd Arntz in Plattdeutsch entwickelt und nicht im bekannteren österreichischen Anti-Heimat-Roman-Stil. Außerdem ging es früher in den Anti-Heimat-Romanen meist um die Industrialisierung, während es hier bereits um die Folgen der Postindustrialisierung und des wachsenden Bedarfs nach Schulbildung für die kommende Informations- und Wissenschaftsgesellschaft geht.

Die Bildungsreise von Gerd Arntz von der Zwergschule in Grotebühl bis zum Doktor, der sich mit dem kritischen Irrationalismus beschäftigt, macht deutlich, welch ein Vabanquespiel die Bildungspolitik in Deutschland bislang war. Arntz hat es bis zum Verleger einer Zeitschrift gebracht, während unzählige seiner Wegbegleiter auf der Strecke bleiben mussten. Auch bei ihm hing es, wie bei allen, die von unten kommen, zeitweise am seidenen Faden, wenn er schreibt: Vielen Dank, Herr Physiklehrer, Sie haben mir das Leben am Abendgymnasium unserer Stadt gerettet. (S. 293) So ist Bredemeiers Fazit auf S. 480, dass er ineine extrem bildungsfeindliche Bundesrepublik, in der um jeden Lesestoff gekämpft werden musste" hinein geboren wurde.

Ein bisschen erinnert Gerd Arntz in seiner fanatischen Liebe zu Büchern an den blechtrommelnden Oskar Matzerath, auch wenn Oskar sein Lesen und Schreiben für sich behält, und recht begrenzt auf die Vorbilder Rasputin und Goethe beschränkt ist, während Gerd dafür gehänselt wird, alles zu lesen, was ihm unter die Finger kommt. (S. 145) Sicher wird das vorliegende Buch nicht den Bekanntheitsgrat der Blechtrommel erreichen, denn Die explizite Beschreibung des Geschlechtsverkehrs stellt dieses Buch [Die Blechtrommel, nach Meinung seiner Klassenlehrerin] außerhalb jeder Literatur. (S. 295), während Bredemeiers Anti-Heimat-Roman noch eher im Rahmen des Normalen bleibt, und für wirkliche Bestseller braucht man viel mehr Sex and Crime.

Arntz liest querbeet, alles was ihm vor die Flinte kommt, so dass er im Laufe der Zeit erkennt, was in Goethes Sinne mehr zu Genuss und Belebung dient, und welche Autoren er als Säulenheilige wie beispielsweise Thomas Kuhn identifiziert. Wenn er sich aber berechtigt wundert, warum Kuhns Werk in etlichen Disziplinen nicht zur Kenntnis genommen wird, so kann hier angemerkt werden, dass Kuhn 1965 eine Little Science beschrieben hat, die inzwischen weitgehend von der Big Science abgelöst worden war, was viele Wissenschaftstheoretiker bis heute nicht zur Kenntnis nehmen wollen.

Unter dem Aspekt, den Bildungserwerb einer neuen Generation zu beobachten und zu hinterfragen, ist dieses Buch höchst interessant. Ob im Elternhaus, in der Schule, dem Freundeskreis oder Poppers Welt 3, jede Generation wächst unter neuen Bedingungen auf. Schon der Versuch Gerhard Hauptmanns, mit den Webern deutlich zu machen, wie ein technologischer Umbruch menschliche Existenzen zerstört, kann trotz seiner ganzen Dramatik als misslungener Versuch angesehen werden, Fehler der Vergangenheit zu vermeiden, wenn man sich daran erinnert, wie sich in unseren Schulen Lehrer und Schüler immer wieder über die skrupellosen Fabrikanten ereiferten, obwohl sie damit am eigentlichen Drama völlig vorbei diskutierten. Denn die Ursache der Mechanisierung und ihrer Folgen traf nicht nur die Weber selbst, sondern auch die, die ihre Erzeugnisse zu verkaufen versuchten. Die Automatisierung mit Hilfe der Webstühle war bereits die Vorstufe von Jacquard, von Lochkarten und Computern bis hin zu unseren smarten Robotern von heute. Die Schuldigen am Leid der Weber waren weder die Erfinder der Dampfmaschine, noch die Fabrikanten, sondern diejenigen, die die Weber in diesen sinnlosen Wettbewerb mit den mechanischen Webmaschinen schickten. So wie der Berufsberater, der auf die Bemerkung, Der Junge liest gern sagt, Dann sollte er Schriftsetzer werden. (S. 160) Damit wurden viele Jungen dieser Generation ebenso in die absehbare Arbeitslosigkeit geschickt wie die im Kohlebergbau, dessen Zechen bald danach reihenweise schlossen.

Bei Bredemeier geht es um die grundsätzlich gleiche Problematik, wie bei den Webern und ihrer fehlenden Umschulung, aber nun zum Beginn des Informationszeitalters. Mit Recht hatte schon Norbert Wiener XE Wiener, N. , der Begründer der Kybernetik XE Kybernetik (1943), die Gewerkschaften nach dem zweiten Weltkrieg vor den Veränderungen in unserer Gesellschaft durch die Robotik gewarnt XE Robotik . Denn schon damals war klar, was viele Menschen heute noch immer nicht wahr haben wollen: Roboter übernehmen schrittweise immer mehr Aufgaben der Agrar- und Industriegesellschaft, der Medizin, der Altenpflege, der Massenmedien und wahrscheinlich auch der Rentnerversorgung. Auch wenn es immer zwei Parteien gibt, die, die sich dieser Herausforderung stellen und die, die sie so lange bremsen und klein reden, solange es ihr Vorteil ist.

Was Gerd Arntz als analytischer Beobachter dieses Umbruchs dabei sieht, sind die Interessenverschiebungen und die strukturellen Veränderungen, auch wenn das auf rund fünfhundert Seiten differenzierter geschieht als bei Hauptmann. Außerdem geht es thematisch nebeneinander darum: In der Landwirtschaft hat die Maschinisierung eingesetzt. Mähmaschine, Kartoffelroder und Traktor werden in kürzestmöglichen Abständen eingeführt. (S. 101); Ohne dass? dies einer zur Kenntnis genommen hätte, hat die Bildungsrevolution sogar auf dem Land eingesetzt. (S. 117); Glücklicherweise hat die Maschinisierung der Haushalte eingesetzt. Jetzt muss die gnädige Frau selbst in die Küche. (S. 118) – und sie muss oder darf immer öfter auch den Männern den Beruf streitig machen, können wir heute rückblickend hinzufügen.

Eigentlich konnte man schon damals erkennen, dass die größte Revolution darin liegt, dass immer mehr Mädchen und Jungen Abitur machen und studieren, während die Klassenlehrerin von G. Arntz meint: In der Bundesrepublik besitze weniger als jeder zehnte Bürger das Abitur. (S. 283) und auch erkennen lässt, dass das so bleiben müsse. Nun konnte damals nicht jeder wissen, dass Derek John de Solla Price bereits erkannt hatte, dass sich die Zahl der Menschheit mit nur 50 Jahren verdoppelt, während die der Wissenschaftler mit einer Verdopplungsrate von nur 20 Jahren wächst. Damit kann man sich ausrechnen, wann in dieser Welt fast alle Menschen Wissenschaftler sind beziehungsweise sein müssten. Auffällig ist dabei nur, dass immer mehr Bildungspolitiker von Elite, von Exzellenz und von Spitzenforschung sprechen, je weiter die Big Science nun auch den geistigen Durchschnittsbürger unausweichlich in sich aufsaugt.

Arntz hat die Lust am fröhlichen Fabulieren (S. 290), die er im Lesen und Schreiben auslebt, wobei vieles dessen, was hier beschrieben wird, zu realistisch ist, um es als Satire zu bezeichnen. Trotzdem liest sich diese Bildungsreise unterhaltsam wie eine Satire.

Apropos Bildungsreise: Dass Goethes Faust in der jungen Bundesrepublik Deutschland unumstritten an der Spitze des deutschen Bildungskanons stand, ist sicher richtig, aber insofern bemerkenswert, als etliche der damaligen Deutschlehrer inzwischen gern etwas Moderneres an seine Stelle gestellt hätten. So entsinne ich mich, dass auch meine Deutschlehrerin das Essentielle des Faust nicht besonders interessierte. Sie hatte ihn nicht verstanden. Denn es war eine der wichtigsten Erkenntnisse Goethes, dass Menschen im Wissensgewinn vier Phasen durchlaufen, das Streben, den Genuss, die Resignation und die Gewohnheit. Er hat das in einem Brief 1801 an Schiller angesprochen, wobei Schiller mit der Weitsicht des Historikers erkannte, dass das nicht nur für Einzelpersonen gilt, sondern auch für historische Abläufe insgesamt. Der faustische Mensch, als Gedankenexperiment, ist der ewig nur nach Erkenntnis Strebende, nach dem er in der Osternacht seine tiefste Resignation überlebt hatte, weil er erkannte, dass er mit immer mehr Wissen auf ein immer größeres Meer der Unwissenheit hinaus blickte. Bei Arntz lautet diese Erkenntnis so: Je mehr wissenschaftliche Marktnischen ich mir zu Eigen mache und je häufiger ich einen Zeh in andere Fachbereiche setze, desto mehr Löcher und Widersprüche entdecke ich. (S. 370) Fausts Pendant, Wagner, glaubt dagegen in seiner Naivität noch eines Tages alles wissen zu können, und macht sich mit dem Satz lächerlich Zwar weiß ich viel, doch möcht ich alles wissen. Es ist ein großes Problem, in den Schulen und Hochschulen, dass sich die Lehrer leichter auf das Niveau der Schüler, als die Schüler auf das der Lehrer begeben. In den Worten Bredemeiers heißt das zum Beispiel, dass der Lehrer die Rolle eines Fähnleinführers übernimmt. (S. 287) Es ist richtig, Faust ist eine Liebesgeschichte (S. 297), weil Goethe wusste, Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.. Und so bringt auch Bredemeier vieles, was manchem etwas bringen dürfte.

In: Libreas. Library Ideas. Nr. 25 (2014)

 


 

Ein Anti-Heimat-Roman über das Ruhrgebiet

Hattingen. Der Welperaner Willi Bredemeier hat einen Roman über die soziokulturelle und industrielle Entwicklung des Ruhrgebiets geschrieben.

Geschrieben hat er in seinem Leben schon viel. Er war Redakteur bei verschiedenen Lokalzeitungen, Autor und Verleger. Doch einen Roman über die Erfahrungen, die er selbst im Leben gesammelt hat, hat Willi Bredemeier erst im Alter von 74 Jahren auf Papier gebracht. Vor kurzem hat er sein Buch „Ein Anti-Heimat-Roman - Bildungsreisen durch ein unbekanntes Land 1943 - 2014“ veröffentlicht.

Der Welperaner erzählt auf über 500 Seiten und 14 Kapiteln über die gesamte Entwicklung der Region, in der er selbst aufgewachsen ist. Als Dortmunder Junge lebte er in einer Arbeitersiedlung und bekam die Zeit der Zechen mit. „Der Himmel war grau und man konnte kaum Mond und Sterne sehen“, erinnert er sich. Das kommt auch in seinem Buch zur Geltung. Denn er erzählt über die Wandlung von einer Idylle in eine vermischte Region, die aber trotzdem ihren Reiz besitzt. Früher gab es noch viele Bauernhöfe, auch der eigene Großvater von Bredemeier besaß einen. Dann folgte die Zeit der Arbeiter oder „Malocher“ wie sie im Ruhrpott genannt werden. Zu diesen zählte der Vater des Autors und er selbst eine Zeit lang. 
Bildungsoffensive selbst erlebt

Bis die Bildung immer weiter vorangetrieben wurde und dadurch neue Chancen ermöglichte, von denen Bredemeier selbst profitierte. Auf zweitem Bildungsweg holte er sein Abitur nach und studierte Sozialwissenschaften an der Ruhr-Uni in Bochum, wo er später auch in der Forschung mitarbeitete und die Wandlung seiner Heimatregion noch einmal aus ganz anderer Perspektive betrachtete. „Ich bin dadurch auch auf Vertreter aus der Politik und aus Gewerkschaften getroffen“, so Bredemeier.

Im Roman erzählt er aus der Ich-Perspektive, auch wenn er selbst nicht alles genau so erlebt hat. „Manche Stellen stehen beispielhaft für eine bestimmte Situation. Damit zeige ich, was sich abgespielt hat“, erklärt der Autor. So erzählt er über Demonstrationen als Student der 68er-Generation oder über die Anekdoten, die es an der Ruhr-Uni gegeben hat, etwa eine Anwaltskanzlei, die sich der linken Politik verschrieben hat.

Über die Entstehung und Entwicklung von neueren Technologien und Maschinen widmet sich Bredemeier im hinteren Teil seines Buches. Denn als selbstständiger Marktforscher hat er in diesem Bereich wieder neue Erfahrungen gesammelt und die Entwicklung verfolgt. „Früher war das Ruhrgebiet eine bildungsferne Region. Heute ist nicht alles besser, aber es ist gut, wie es gelaufen ist“, lautet sein Fazit. Er sieht noch viel Potenzial im Ruhrgebiet. Und die Entwicklung ist seiner Meinung nach in die richtige Richtung gelaufen.

Hendrik Steimann

 


 

Bredemeier, W.: Ein Anti-Heimat-Roman. Bildungsreisen durch ein unbekanntes Land. Simon Verlag für Bibliothekswissen, Berlin, (2014). Buchbesprechung von Walther Umstätter.

Wer den ersten oder zweiten Weltkrieg überlebt, vielleicht auch Gefangenschaft überstanden hat, wusste nicht nur was Heimweh ist, Heimat und alle die darin zurück blieben erschien insbesondere den jungen Soldaten verteidigungswürdig – ob sie wollten oder nicht, denn sonst wären ihre Opfer sinnlos gewesen. Was den meisten Menschen in der heutigen Globalisierung begrifflich nur schwer definierbar und nachvollziehbar ist, war den Heimatvertriebenen und Entwurzelten völlig selbstverständlich. Der heimatliche Werteverlust begann, als man anfing sich über Heimatfilme lustig zu machen. Der Hölle gegenüber, die nicht nur die jungen Landser an der jeweiligen Front durchlebten, erschien die Erinnerung an die Heimat wie ein Paradies. Natürlich war sie für die Zurückgebliebenen keinesfalls so paradiesisch, insbesondere im Ruhrgebiet war sie das weder vor, während noch nach dem zweiten Weltkrieg, wo insbesondere beim Wiederaufbau sich alle freuten, dass die Schornsteine endlich wieder rauchten. Da war bei genauer Betrachtung die Heimatidylle eher eine andere Hölle, die sich hier aus der recht sarkastischen Sicht des Pseudonyms Gerd Arntz in Plattdeutsch entwickelt, und nicht im bekannteren österreichischen Anti-Heimatroman-Stil. Außerdem ging es früher in den Anti-Heimatromanen meist um die Industrialisierung, während es hier bereits um die Folgen der Postindustrialisierung und dem wachsenden Bedarf an Schulbildung für die kommende Informations- und Wissenschaftsgesellschaft geht. Die Bildungsreise von Gerd Arntz von der Zwergschule in Grotebühl bis zum Doktor, der sich mit dem „kritischen Irrationalismus“ beschäftigt, macht deutlich, welch ein Vabanquespiel die Bildungspolitik in Deutschland bislang war. Arntz hat es bis zum Verleger einer Zeitschrift gebracht, während unzählige seiner Wegbegleiter auf der Strecke bleiben mussten. Auch bei ihm hing es, wie bei allen, die von unten kommen, zeitweise am seidenen Faden, wenn er schreibt: „Vielen Dank, Herr Physiklehrer, Sie haben mir das Leben am Abendgymnasium unserer Stadt gerettet. (S. 293). Darum ist Bredemeiers Fazit auf S. 480, dass er in „eine extrem bildungsfeindliche Bundesrepublik, in der um jeden Lesestoff gekämpft werden musste“, hinein geboren wurde.

Ein bisschen erinnert Gerd Arntz in seiner fanatischen Liebe zu Büchern an den blechtrommelnden Oskar Matzerath, auch wenn Oskar sein lesen und schreiben für sich behält, und recht begrenzt auf die Vorbilder Rasputin und Goethe beschränkt ist, während Gerd dafür gehänselt wird, alles zu lesen, was ihm „unter die Finger kommt“ (S. 145). Sicher wird das vorliegende Buch nicht den Bekanntheitsgrat der Blechtrommel erreichen, denn „Die explizite Beschreibung des Geschlechtsverkehrs stellt dieses Buch [Die Blechtrommel, nach Meinung seiner Klassenlehrerin] außerhalb jeder Literatur.“ (S. 295), während Bredemeiers Anti-Heimat-Roman noch eher im Rahmen des normalen bleibt, und für wirkliche Bestseller braucht man viel mehr Sex and Crime.

Arntz liest querbeet, alles was ihm vor die Flinte kommt, so dass er im Laufe der Zeit erkennt, was in Goethes Sinne mehr zu Genuss und Belebung dient, und welche Autoren er als „Säulenheilige“, wie Th. Kuhns identifiziert. Wenn er sich aber berechtigt wundert, warum Kuhns Werk in etlichen Disziplinen nicht zur Kenntnis genommen wird, so kann hier angemerkt werden, dass Kuhn 1965 eine Little Science beschrieben hat, die inzwischen weitgehend von der Big Science abgelöst worden war, was viele Wissenschaftstheoretiker, bis heute nicht zur Kenntnis nehmen wollen

Unter dem Aspekt, den Bildungserwerb einer neuen Generation zu beobachten und zu hinterfragen ist dieses Buch höchst interessant. Ob im Elternhaus, in der Schule, dem Freundeskreis oder Poppers Welt 3, jede Generation wächst unter neuen Bedingungen auf. Schon der Versuch G. Hauptmanns, mit den Webern deutlich zu machen, wie ein technologischer Umbruch menschliche Existenzen zerstört, kann trotz seiner ganzen Dramatik, als misslungener Versuch angesehen werden, Fehler der Vergangenheit zu vermeiden, wenn man sich daran erinnert, wie sich in unseren Schulen Lehrer und Schüler immer wieder über die skrupellosen Fabrikanten ereiferten, obwohl sie damit am eigentlichen Drama völlig vorbei diskutierten, denn die Ursache der Mechanisierung und ihrer Folgen traf nicht nur die Weber selbst, sondern auch die, die ihre Erzeugnisse zu verkaufen versuchten. Die Automatisierung mit Hilfe der Webstühle war bereits die Vorstufe von Jacquard, von Lochkarten und Computern bis hin zu unseren smarten Robotern von heute. Die Schuldigen am Leid der Weber, waren weder die Erfinder der Dampfmaschine, noch die Fabrikanten, sondern diejenigen, die die Weber in diesen sinnlosen Wettbewerb mit den mechanischen Webmaschinen schickten, so wie der Berufsberater, der auf die Bemerkung, „Der Junge liest gern“ sagt, „Dann sollte er Schriftsetzer werden“, (S. 160). Damit wurden viele Jungen dieser Generation ebenso in die absehbare Arbeitslosigkeit geschickt, wie die im Kohlebergbau, dessen Zechen bald danach reihenweise schlossen.

Bei Bredemeier geht es um die grundsätzlich gleiche Problematik, wie bei den Webern und ihrer fehlenden Umschulung, aber nun am Beginn des Informationszeitalters. Mit Recht hatte schon Norbert Wiener, der Begründer der Kybernetik (1943), die Gewerkschaften nach dem zweiten Weltkrieg vor den Veränderungen in unserer Gesellschaft durch die Robotik gewarnt. Denn schon damals war klar, was viele Menschen heut noch immer nicht wahr haben wollen, die Roboter übernehmen schrittweise immer mehr Aufgaben der Agrar- und Industriegesellschaft, der Medizin, Altenpflege, der Massenmedien und wahrscheinlich auch der Rentnerversorgung, auch wenn es immer zwei Parteien gibt, die, die sich dieser Herausforderung stellen, und die, die sie so lange bremsen und klein reden, solange es ihr Vorteil ist.

Was Gerd Arntz als analytischer Beobachter dieses Umbruchs dabei beobachtet, sind die Interessenverschiebungen und die strukturellen Veränderungen, auch wenn das auf rund fünfhundert Seiten differenzierter geschieht, als bei Hauptmann. Außerdem geht es thematisch nebeneinander darum: „In der Landwirtschaft hat die Maschinisierung eingesetzt. Mähmaschine, Kartoffelroder und Traktor werden in kürzestmöglichen Abständen eingeführt.“ (S. 101); „Ohne dass dies einer zur Kenntnis genommen hätte, hat die Bildungsrevolution sogar auf dem Land eingesetzt.“ (S. 117); „Glücklicherweise hat die Maschinisierung der Haushalte eingesetzt. Jetzt muss die gnädige Frau selbst in die Küche.“ (S. 118) – und sie muss oder darf immer öfter auch den Männern den Beruf streitig machen, können wir heute rückblickend hinzufügen.

Eigentlich konnte man schon damals erkennen, dass die größte Revolution darin liegt, dass immer mehr Mädchen und Jungen Abitur machen, und studieren, während die Klassenlehrerin von G. Arntz meint: „In der Bundesrepublik besitze weniger als jeder zehnte Bürger das Abitur.“ (S. 283), und auch erkennen lässt, dass das so bleiben müsse. Nun konnte damals nicht jeder wissen, dass D. J. de Solla Price bereits erkannt hatte, dass sich die Zahl der Menschheit mit nur 50 Jahren Verdoppelt, während die der Wissenschaftler mit einer Verdopplungsrate von nur 20 Jahren wächst. Damit kann man sich ausrechnen, wann in dieser Welt fast alle Menschen Wissenschaftler sind. Auffällig ist dabei nur, dass immer mehr Bildungspolitiker von Elite, von Exzellenz und von Spitzenforschung sprechen, je weiter die Big Science nun auch den geistigen Durchschnittsbürger unausweichlich in sich aufgesaugt.

Arntz hat „die Lust am fröhlichen Fabulieren“ (S.290), die er im Lesen und Schreiben auslebt, wobei vieles dessen, was hier beschrieben wird, zu realistisch ist, um es als Satire zu bezeichnen, trotzdem liest sich diese Bildungsreise unterhaltsam wie eine Satire.

Apropos Bildungsreise, dass Goethes Faust in der jungen Bundesrepublik Deutschland unumstritten an der Spitze des deutschen Bildungskanons stand, ist sicher richtig, aber insofern bemerkenswert, als etliche der damaligen Deutschlehrer inzwischen gern etwas moderneres an seine Stelle gestellt hätten. So entsinne ich mich, dass auch meine Deutschlehrerin das essentielle des Faust nicht besonders interessierte. Sie hatte ihn nicht verstanden. Denn es war eine der wichtigsten Erkenntnisse Goethes, dass Menschen im Wissensgewinn vier Phasen durchlaufen, das Streben, den Genuss, die Resignation und die Gewohnheit. Er hat das in einem Brief 1801 an Schiller angesprochen, wobei Schiller als Professor für Geschichte, erkannte, dass das nicht nur für Einzelpersonen gilt, sondern auch für historische Abläufe insgesamt. Der faustische Mensch, als Gedankenexperiment, ist der ewig nur nach Erkenntnis strebende, nach dem er in der Osternacht seine tiefste Resignation überlebt hatte, weil er erkannte, dass er mit immer mehr Wissen auf ein immer größeres Meer der Unwissenheit hinaus blickte. Bei Arntz lautet diese Erkenntnis so: „Je mehr wissenschaftliche Marktnischen ich mir zu Eigen mache und je häufiger ich einen Zeh in andere Fachbereiche setze, desto mehr Löcher und Widersprüche entdecke ich.“ (S. 370). Fausts Pendant, Wagner, glaubt dagegen in seiner Naivität noch eines Tages alles wissen zu können, und macht sich mit dem Satz lächerlich „Zwar weiß ich viel, doch möcht ich alles wissen.“ Es ist ein großes Problem, in den Schulen und Hochschulen, dass sich die Lehrer leichter auf das Niveau der Schüler, als die Schüler das der Lehrer begeben. In den Worten Bredemeiers heißt das z.B., „dass der Lehrer die Rolle eines Fähnleinführers übernimmt.“ (S. 287). Es ist richtig, „Faust ist eine Liebesgeschichte“ (S. 297), weil Goethe wusste, „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.“, und so bringt auch Bredemeier vieles, was manchem etwas bringen dürfte.

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Aktuelles

Widerspruch Simon

Bibliotheken als Ansprechpartner- Mittelpunkt der Community – Gegen fake news und Hass – für Demokratie – eine Forderung an Politiker und Verantwortliche -   

Das Buch  Erwarten Sie mehr von David Lankes  ist ein Glücksfall. Es zeigt, was wir erwarten und was die Leitung der Community, die Politiker und Geldgeber zur Verfügung stellen sollten. Es ist ein dringender Aufruf in schweren Zeiten auch für Bibliotheken. Daher können wir nicht verstehen,  dass das eigene Einkaufshaus für Öffentliche Bibliotheken das nicht sieht, wie die folgende Kurzbesprechung zeigt.

Hier die EKZ Besprechung

Man vergaß anscheinend, dass Bibliotheken Orte der Aufklärung und damit der Demokratie sind. Knowledge Schools nennt Lankes sie,

I further believe that in times of alternative facts, fake news, and near contempt for public service we have an obligation to lead.

Das glauben wir auch, deshalb haben wir der Besprechung von Reisser hier  widersprochen.

Hier die 2. Besprechung

Sie irren sich, Herr Reisser!

Lankes keine Fachliteratur? Nur Ideengeber? Da fragt es sich, was Fachliteratur eigentlich sein soll, sie soll doch gerade den Horizont erweitern und neue Ideen diskutieren. Dafür liest man Fachliteratur, besucht Konferenzen und spricht mit Kollegen. Und ein zeitloses Thema ist:  Wie erreicht die Bibliothek die politischen Entscheidungsträger? Dieses Thema gab es schon zu der Zeit, als ich noch eine blutjunge Bibliothekarin war, auch, als vor einigen Jahren viele Bibliotheken abgewickelt wurden; das totgeschwiegene Handbuch der Kulturzerstörung von R. Strzolka erwähnt es, und in der Dissertation von Helga Schwarz über das Deutsche Bibliotheksinstitut, die gerade erschienen ist, kommt es ebenfalls vor.

Ja, es ist ein Buch für Entscheider. Hier befindet sich der deutschsprachige Raum in einer ähnlichen Situation wie die Bibliotheken in den USA, dass nämlich jene, die über das Budget von Bibliotheken entscheiden, von Jahr zu Jahr schwerer zu überzeugen sind. Leider hat die Literatur im deutschsprachigen Raum wenig darüber herausgebracht, wie die Bibliotheken ihre Stakeholder für sich gewinnen können, obgleich es hier um eine Existenzfrage geht. Aber Lankes (und andere Amerikaner) zeigen, wie es geht, und auf ihre Beispiele müssen wir in einem ersten Schritt zurückgreifen.

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Hommage an Elisabeth von willi Bredemeier 22.4.

Wir Autoren wissen ja, dass wir gut sind. Wir haben der Welt so viel zu sagen. Die Welt würde sogar an unseren Lippen hängen, wenn sie denn wüsste, dass es uns gäbe. Damit das geschieht, haben wir die Verleger.

Nun gibt es unter den Verlegern sonne und solche. Also habe ich mir eine Wunschliste zusammengestellt und mir vorgestellt, wie ein Verleger aussehen würde, wenn ich ihn mir backen könnte.

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Besser spät als nie!

schwarz fertig

Besser spät als nie mit diesen Worte schaffte es die Bibliotheks- und Informationswissenschaft auf die Titelseite von Bild /Berlln und Brandenburg Streiks, Umwälzungen, Reformen , waren keines Berichtes würdig. Noch nie war eine solcher PR. Gag der  Bibliotheks- und Informationswissenschaft gelungen, was jetzt am 18. April einer 80 Jährig Dissertantin so strahlend gelang  und ausgerechnet mit einem Thema, das der Politik ein Handeln vor Augen führt. deren Folgen sich mit der Zeit nicht verflüchten werden, sondern an negativem Gewicht gewinnen.

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