Ethnomusikologie. Aspekte, Methoden und Ziele. Mit Bildern und Notenbeispielen
2008
127 Seiten
kart.
ISBN 978-3-940862-07-5
33,00
Bestellen Sie jetzt

Die wechselnden Namen: Musikethnologie, Ethnomusikologie und vergleichende Musikwissenschaft kennzeichnen die methodischen Schwierigkeiten, denen dieses von nur wenigen Wissenschaftlern getragene Fach mit seinem riesigen Forschungsgebiet heute noch gegenüber steht. Die innovativen Anfänge für die Erforschung außereuropäischer Musikkulturen, gelegt von Psychologen und Naturwissenschaftlern in Berlin, wie Carl Stumpf und Erich Moritz von Hornbostel, führten durch die spektakulären Aufnahme des thailändischen Tanz und Musikorchesters im Jahre 1903 zur Gründung des Phonogramm-Archivs in Berlin. Die Naziherrschaft entzog dieser Arbeit sowohl die personelle Basis, die erste, meist jüdische Generation von Musikethnologen, mußte in die Vereinigten Staaten auswandern als auch die inhaltliche, da die außereuropäische Musik als Niggermusik verachtet wurde. So mußte die Ethnomusikologie, besonders in Deutschland nach dem Krieg nicht nur neu aufgebaut werden (bis hin zur Rückführung der alten Bestände des Musikarchivs aus dem Osten, 1991) sondern auch ihre Stellung in dem von der Musikgeschichte beherrschten akademischen Umfeld neu positionieren. Auf internationalen Kongressen, Seminaren und in Universitäten europaweit wurden die Grundlagen der Ethnomusikolgie diskutiert, die lange von Forschungen in den Vereinigten Staaten bestimmt wurden, wie einzelne Proceedings und Veröffentlichungen des 1955 gegründeten Society for Ethnomusicology und des International Council For Traditional Music zeigen (Yearbook of the IFMC since 1969).

Es fehlen aber in Deutschland bis zum heutigen Tag eine grundlegende Methodik und Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen Didaktik dieses Faches. Die methodischen Ansätze des Autors aus den Jahren 1979, die heute noch Grundlage der Ausbildung sind werden hier weiter geführt und gewertet. Neben der Einordnung und Positionierung der Forschungen und der Literatur vermittelt das Buch einen ausgezeichneten Überblick über Forscherpersönlichkeiten und ihre Arbeit bis zum Jahr 2005.

 


 

CD zum Buch

01.  Sänger: Mohammed Fadl Bilal aus Argin (Neu Halfa) mit Rahmentrommel (1974, Titelbild)
02.  Zwei Frauen trommeln für einen verstorbenen Mann bei den Colo (Schilluk), Nigeria (S.15)
03.  Dangyan spielt bongobongana (Maultrommel) in Munggona, West-Neuguinea (S.24)
04.  Zwei Trompetenspieler der T_m in Kommondé bei Bafilo, Togo (1984, S.36)
05.  Ebanga Théophile (vom den Beti) beim Spielen eines mwet (Kerbstegzither) (S.47)
06.  Bootslaute hasapi und Querflöte sulim bei den Toba Batak, Nordsumatra, Indonesien (S.62)
07.  Musikergruppe aus West Java (1981, S.67)
08.  Trommelgruppe der Dairi Nordsumatra (1976, S.74)
09.  Aba Musa ladoiya »Aba Musa läßt grüßen!« aufgenommen in Mitinjalo (1983, S.79)
10.  Xylophonspiel, Simmung des Instrumentes tsinza (S.85)
11.  Xylophonspiel, es spielt I. M. Kampala, von den Bura, aus Marama in Borno, Nordnigeria (1986, S.85)
12.  Kriegstanz der Colo / Schilluk (S.91)
13.  Gruppe der Waza Spieler beim Fest zur Beschneidung eines Jungen in Mitajolo, Quessan, Sudan (1983, S.96)

Rezensionen

Tribus. Jahrbuch des Linden-Museums, BAND 58–2009 (pdf)
Staatliches Museum für Völkerkunde, Stuttgart

 


 

This short but important study was published as a tribute to Artur Simon on the occasion of his 70th birthday. Artur Simon is a renowned ethnomusicologist and from 1972 to 2003 was director of the Department of Ethnomusicology of the Berlin Museum of Ethnology. He has been active as a field researcher during his term of office there, and he managed to increase the collections of his institution to about 160,000 recordings. Also counting about a hundred publications, this was no mean achievement. In 1979 Artur Simon published an article Probleme, Methoden und Ziele der Musikethnologie (which is, however, missing from the extensive bibliography of the book) in order to give a guideline to students of the discipline. The present volume picks up from this and the discusses in a systematic way the basics of ethnomusicology. For the author it is evidently not only a concern but a necessity to give some kind of definition (Standortbestimmung) of the (position of) the discipline. Simon quotes from the works of major specialists in order to show the different approaches to ethnomusicology – regional, historical, oral tradition, anthropological, sociological, etc. – and shows clearly that the current state of the art involves the musical experience, the performance, the occasion, the setting, the performers, the listeners – so one could call it a cultural and sociological field in the best sense, disclaiming ethnic and traditional views (like even that of pioneer Curt Sachs who emphasized the "primitive" forms of music as the subject of study). Small wonder that "bimusicality" has become one of the concepts by which students learn different musical cultures also from a practical point of view. Above all, field research is of utmost importance, and it is – in a way – much easier that in bygone times owing to advanced technology. A hundred years ago, the fathers of ethnomusicology (at that time dubbed comparative musicology) already pointed out the existing pressure of globalization and the need to save musical traditions from oblivion. For obvious reasons, all that has become a real and very serious challenge now.

Simon describes the methodology of field research, the outfit, the analytical work, and thus provides a firm basis for students and other interested parties. In this sence, it is not a "popular" book but a necessary one. And perhaps it will generate more discussion and prevent stagnation. All scholarship needs constant review of its basis in order to remain flexible and adaptable to new developments.

Artur Simons's special research areas have been Africa, Indonesia and Irian (New Guinea), and many of the photographs and examples are taken those areas. A well designed and useful book.

Hartmut Walravens in Fontes Artis Musicae 57/4, S. 432 – 433. (2011)

 


 

1978 veröffentlichte Artur Simon seinen Aufsatz über Probleme, Methoden und Ziele er Ethnomusikologie. Ausgehend von der Fachgeschichte umriss er den Forschungsgegenstand, den er in Anlehnung an John Blacking (1973:11) als »sonische Ordnung« bezeichnete, genauer gesagt die »Totalität musikalischer Aktivitäten« in Abhängigkeit von »Faktoren wie den biologische, sozialen und ökologischen Bedingungen« (Simon 1978:30). Diese Standortbestimmung im Blick benannte er eine Reihe von ethnomusikologischen Untersuchungsfeldern:

Dokumentation, Klassifikation, musikalische Strukturanalyse, Ethnographie der musikalischen Verhaltensweisen, ethnotheoretische Analyse, ethnopsychologische Analyse, Textanalyse, interdisziplinäre Analyse, naturwissenschaftliche und experimentelle Methoden.

Für uns Studierende in den 1980er Jahren bot der Aufsatz, der im deutschsprachigen Bereich ohne Beispiel war und sich auch gegenüber amerikanischen Arbeiten durch seine klare Struktur und Komprimiertheit auszeichnete, eine wichtige Orientierung. Wir wurden ermuntert, eigenständig unsere Horizonte über das an den Universitäten vermittelte Wissen hinaus zu erweitern. Simons Aufsatz steht für eine Generation von Musikethnologen, die die Komplexität und Veränderlichkeit musikalischer Verhaltensweisen erkannt hatte und damit die Notwendigkeit, stets auf neue Entwicklungen zu reagieren. Sie ebnete damit den Weg zu den aktuellen Fragen, die soziale Teilungen sowie Medialität und Mobilität der Menschen mit einschließt.

In seinem jetzt erschienenen Buch Ethnomusikologie – Aspekte, Methoden und Ziele hat Simon die Überlegungen seines Aufsatzes in überarbeiteter Form nochmals zugänglich gemacht. Sie werden ergänzt durch Beispiele für »Ethnomusikologische Forschungen 1980 – 2005«. Verwiesen werden auf technische Innovationen und die sich daraus ergebenden Perspektiven, auf moderne Transkriptionen sowie auf Forschungsergebnisse aus einzelnen Regionen. Dabei beschränkt sich Artur Simon auf eigene Arbeiten und denen seiner Weggefährten. Der besondere Wert der Publikation liegt daher vor allem darin, dass die in den 1970er Jahren gültigen Denkweisen der Ethnomusikologie – schlüssig dargestellt – nun wieder zugänglich sind, mit einem Dokument, das Artur Simon einen wichtigen Platz in der Geschichte der Ethnomusikologie zuweist.

Literatur

  • John Blacking: How Musical is Man. Seatle: University of Washington Press. 1973.
  • Artur Simon: Probleme, Methoden und Ziele der Ethnomusikologie. In: Jahrbuch für musikalische Volks- und Völkerkunde 9: 8 – 52.

Andreas Meyer

Aktuelles

Zum Tod des Karlsruher Dirigenten Manfred Reichert

Die 13 als Glückszahl


Manchmal werden durch Chuzpe Weichen gestellt, wird der Lebensweg in die entscheidende Bahn gebracht. So bei Manfred Reichert. Er hatte in Karlsruhe Musik studiert, war nach dem Staatsexamen zeitweise als Kritiker für die Badischen Neuesten Nachrichten unterwegs und als Gymnasiallehrer tätig, gehörte seit fünf Jahren zur Musikredaktion des in Baden-Baden ansässigen Südwestrundfunks (SWR) und nun, Ende 1972, beflügelte ihn der Wunsch, ein dreizehnköpfiges Ensemble zu dirigieren, das aus Streichern des SWR-Sinfonieorchesters bestand. Reichert wandte sich an den Konzertmeister, bot als Gegenleistung einen Auftritt in Karlsruhe an: „Der Vorschlag war verrückt, tollkühn, ich muss nicht recht bei Sinnen gewesen sein“, schrieb der Musiker später rückblickend.

Weiterlesen ...

Reichert Nachruf

Manfred Reichert

Wir wussten, dass er todkrank krank war, wir sind dankbar, dass wir seine Erinnerungen, sein Vermächtnis, seine Leidenschaft und seinen Kampf um die Neue Musik herausgeben durften - wir sind sehr sehr traurig, dass er heute verstorben ist:

Manfred Reichert

Dirigent, Festivalgestalter, Universitätsprofessor, Gestalt - und Traumtherapeut, Bildermaler

Er schaute zurück auf fünfeinhalb Jahrzehnte zwischen 1961, Abitur und Studienbeginn und der Gegenwart 2017. Von 1967 bis 1983 Musikredakteur beim Südwestfunk Baden - Baden, von 1973 bis 2007 Dirigent des von ihm gegründeten Ensemble 13 von 1981- 2017 Künstlerischer Leiter des ebenfalls von ihm gegründeten Karlsruher Festivals Wintermusik und Musik auf dem 49 ,' 1983 bis 1988 künstlerischer Leiter des städtischen Teils der Europäischen Kulturtage Karlsruhe

Ideengeber, von 1985-1987 Leiter der ersten Projektgruppe des ZKM, Karlsruhe, 1995- 2007 Professor für Neue Musik an der Johannes Gutenberg Universität Mainz Seit 2000 Gestalt und Traumtherapeut , seit 2012 Maler .

(Manfred Reichert : Fremder Ort Heimat. Manfred Reichert und das Ensemble 13.

Eine Spurensuche.

Berlin 2918, 268 Seiten, mit Fotos,softcover 23.50 ISBN 978-3-945610-41-1)

Leipziger Büchermesse in stürmischen Zeiten

Einer medialen Flurbereinigung – dem Ausschluss „rechter Verlage“ hatte der Direktor der Leipziger Büchermesse ruhig und besonnen widerstanden und auf die  Präsentation aller Verlage und den offenen Zugang aller zu allen Angeboten bestanden. Ein Motto, den die Bibliotheken mit Open Access seit Jahren verfolgen und der auch die Vorstellung des Buches von Marianna Tax Choldin. Der Garten der zerbrochenen Statuen beherrschte. Auf den Spuren der Zensur in Russland, vorgestellt von den beiden Übersetzerinnen im Zwiegespräch landete bei deiner Debatte über Zensur mit den in Halle 4, A, 105 versammelten Bibliothekaren, die ihr Leben lang für den freien Zugang ihrer Nutzer zu Informationen gekämpft haben und heute noch kämpfen. Der Kampf der Bibliothekare um die Anerkennung ihrer Arbeit bestimmte auch Helga Schwarz Das Deutsche Bibliotheksinstitut  im Spannungsfeld zwischen Auftrag und politischem  Interesse, deren Autorin durch das Wetter an ihrem Auftritt  verhindert war; Fachforum 1 Halle 5 E500  Dieser Wintereinbruch  hatte auch der Messe zugesetzt, von einem eisigen Empfang am Hauptbahnhof und der Messe Leipzig mit gefährlich glatten Eingangsbereich, bibbernden Warten auf die Straßenbahn  mit einem wasserdurchlässigen  Glasdach (Hybris der Architekten?).

Weiterlesen ...

Hespos imd A.Simon zum Geburtstag

80 Jahre und kein bisschen weise- wir gratulieren zum Geburtstag unseren Autoren

Hans Joachim Hespos geboren am 13.3. 2018 und Artur Simon,  geboren am 6.5. 1938  verschieden und doch in einem gemeinsam, in ihrer unverbrüchlichen Liebe zur Musik

… Immer wieder neu Anders nennt Hespos sein musikalisches Schaffen, das ihn immer wieder auf neue Wege schickt, neue Formen, neue Instrumente. Was ist die Wirkung von Musik? Sie trifft und braucht keine  Vermittlung (nmz März 2018:4)

Dem würde Artur Simon zustimmen, der sein Leben lang der Musik unmittelbar ausgesetzt war, in fremden Kulturkreisen: Afrika, Indonesien, Neuguinea und doch diesen Musiken  immer auf der Spur. Sie führte  zu der Begegnung mit Dahab dem musikalischen Genie der Nubier und oft  zu der Seele von Gemeinschaften,  die aus dieser Musik lebten und  die wir ohne diese Musik nicht kennen würden.